Warten ist der Tod

Alfred Hitchcock hätte dieser Film auch gut gefallen: Drei ehemalige Luftwaffenflieger, frühzeitig pensioniert, finden sich im bürgerlichen Leben nicht zurecht und benehmen sich überhaupt nicht zivil – gemeinsam mit einem angeheuerten „Profi“ überfallen sie die Kassenräume einer Flugschau. Doch nicht um diesen gelungenen Bruch geht es in dem ungemein spannenden, zweiteiligen Thriller. Der Blick des Drehbuchautors und Regisseurs Hartmut Schoen, bisher vor allem als Dokumentarist aufgefallen, gilt ganz den Charakteren: dem alles kontrollieren wollenden Venske, der sich zwischen Ehefrau und Geliebter zerreibt, seinen beiden „Kameraden“ Kellermann und Glöckler und dem kleinen Laux in Nöten, der die militärisch agierende Heldentruppe als gar nicht so gewiefter Gauner komplettiert. Schon der Überfall geht beinahe schief, aber das ist nichts im Vergleich dazu, was sich hinterher abspielt. Da einige des millionenschweren Gaunerquartetts keine Böcke mehr haben, sich von Zahnbelag zu ernähren (diesen Ausspruch verdanken wir Helen Vita, die hier in einer kleinen Nebenrolle ein exquisites Darstellerensemble mit ihrem bodenständigen Humor krönt) und nicht abwarten wollen, bis das verabredete halbe Jahr bis zur Verteilung der Beute vorbei ist, fliegen bald schon die Fetzen, dass die Nerven nur so sirren. Und dafür braucht Schoen keine effektvollen Tricks – ihm genügt das Psychogramm des Perfektionisten Venske (hervorragend: Ulrich Tukur), der an seinen eigenen Werten und Prinzipien scheitert, um Hochspannung zu erzeugen: Warten ist der Tod.

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Racheengel – Stimme aus dem Dunkeln

In Weißkittelkreisen wird man diesen Thriller nicht diskutieren, untermauert er doch die weit verbreitete Ansicht, der wahre Irre sei der Seelenklempner. Mit Racheengel – Stimme aus dem Dunkeln ist Götz George im aufregenden Kosmos der Serienmörder gestrandet: als gescheiterte Koryphäe der Psychiatrie, die sich – inzwischen selbst ein Fall für Bonnies Ranch – zum Richter so „minderwertiger, abartiger Geschöpfe“ wie Sexualverbrecher aufschwingt. Besonderer Coup für den „Nervenkitzel am Freitag“: Neben „Schimanski“ mimt mit „Sperling“ Dieter Pfaff gleich noch ein zweiter Kriminaler einen manischen Mörder. Ein zugegebenermaßen spannender Anstalts-Thriller von Thorsten Näter, der neben seiner Starbesetzung allerdings auch ein Klischee nach dem anderen auffährt. Trost bietet da nur die vom Sender dankenswerter Weise beigefügte „Hintergrund-Information“: „Niemand kann unter Hypnose zu Handlungen überredet oder gar gezwungen werden, die er eigentlich ablehnt.“

Der Voyeur

Reichlich mysteriös ging es schon in Roman Kuhns erstem Spielfilm „Die Schläfer“ zu, der sich ausgiebig an der herben Schönheit der britischen Kanalinsel Guernsey delektierte. Auch in seinem zweiten Thriller spielt die Location, wie es heute gern heißt, die größte Rolle. Seine erotische Entdeckung Claudia Mehnert jedenfalls darf sich praktisch ausschließlich ihrer Körpersprache bedienen, und so hat es Der Voyeur, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich in Abwesenheit eines „dubiosen“ Italieners in dessen „atemberaubend“ schöne Gattin verguckt, vor allem mit den seltsamen Gestalten in der „morbiden, geheimnisvollen Atmosphäre“ des Grand Hotel Locarno zu tun, einem durchgeknallten Ex-Agenten zum Beispiel, der völlig unmotiviert für Rabatz sorgt. Ein in Hochglanzbildern vorgeführter Pseudo-Thriller, der letztlich nur Langeweile verbreitet.

Der Nebelmörder – Schatten über der Stadt

Mit einem selten geradlinig entwickelten Thriller wartet Regisseur Jörg Grünler auf: Der Nebelmörder – Schatten über der Stadt stellt weniger die Jagd nach einem psychopathischen Sexualmörder ins Zentrum seiner Betrachtung, sondern lässt den Zuschauer an der Zerrissenheit zweier Charaktere teilhaben, eindrucksvoll von Claudia Messner und Philipp Moog gespielt. Im Gewand eines klassischen Whodunit-Thrillers versteckter, psychologischer Reißer, zunehmend fesselnd und nicht ohne Tiefgang.

Todesflug

Zum Todesflug setzt dieser Thriller von Fred Breinersdorfer (Buch) und Peter Schulze-Rohr (Regie) an. Iris Berben mimt wieder einmal die gealterte Mondäne, die sich mit den Pillen aus dem Schminktäschchen zudröhnt, Gatte in spe und Geschäftsmann Jörg Schüttauf scharwenzelt mit der befreundeten Cellistin Floriane Daniel, und Rock-Ikone Bob Lenox als fast tauber Schatten seiner Legende sorgt für zusätzliches, misanthropisches Dunkel. Da einen jedoch keine dieser Figuren in diesem Quartett interessiert, folgt man nur widerwillig dem Geschehen, dessen Ausgang man von Anfang an kennt: Runter kommen sie alle, auch die, die ihre schmutzige Wäsche ausgerechnet im Privatflieger waschen …

Die Abzocker – Eine eiskalte Affäre

Gewiefte Überlebensstrategen sind Die Abzocker Maya und Tony. Eine eiskalte Affäre, eine deutsch-kanadische Koproduktion, rührt im Wesentlichen den üblichen Sex-&-Crime-&-Sonnenbrillen-TV-Quark, ist dafür aber überdurchschnittlich raffiniert konstruiert. Zumindest „Dallas“-Fans dürften diesem intriganten Thriller gespannt bis zum Ende folgen, wo es dann vollends albern wird, wenn der Möchtegern-Clyde Benjamin Sadler erwägt, seinen gepflegten Dreitagebart gegen einen bürgerlichen Beruf zu tauschen, beim Wachschutz zum Beispiel, um seine Liebe zu der überaus üppigen Bonnie-Epigonin Bobbie Phillips zu retten …

Auf schmalem Grat

Einen schweren Irrtum begehen Regisseur Erwin Keusch und Autor Hansjörg Thurn, wenn sie glauben, den Themen der Korruption, des Mobbing und der sexuell motivierten Gewalt am Arbeitsplatz mit einem Film beizukommen, der sich auf weite Strecken wie ein „Basic Instinct“ für Arme ausnimmt. So darf denn Ann-Kathrin Kramer in diesem Thriller nicht nur eine durchaus sympathische, burschikose Frauenfigur verkörpern, sie muss auch noch den leidenschaftlichen Sex auf Damentoiletten entdecken. Auf diese Weise bewegt sich der Film um eine Polizistin, die nach dem Selbstmord einer Kollegin auf deren Dienststelle nach Ursachen forscht, nicht nur Auf schmalem Grat, sondern auch auf gefährlichem Terrain. Der beklagenswerte und gerade erst in letzter Zeit viel in der Öffentlichkeit diskutierte Umstand, dass sich auch unter Polizisten echt virile Bullen befinden, sollte kein Anlass für einen voyeuristischen TV-Reißer sein, der auch noch, wie üblich, die Mitschuld der weiblichen Opfer behauptet.