Weihnachtsfieber

Von Paul Harathers Weihnachtsfieber lässt man sich gerne anstecken. Der zweite Kinofilm des Regisseurs, ebenso wie dessen „Indien“-Debüt eine gelungene Mischung aus Off-Road-Movie und pointiertem Situationswitz, schweißt einen bestens aufgelegten Uwe Ochsenknecht und eine herrlich genervte Jahresendflügelpuppe (Barbara Auer) zu einer unfreiwilligen Fahrgemeinschaft zusammen, die im Zuge ihrer gemeinsamen Reise immer häufiger die Selbstkontrolle verlieren, dafür aber ein paar ganz einfache Einsichten in ihr Leben gewinnen. Hier prallen eine überzeugte Verächterin des Weihnachtsrummels und ein leidenschaftlicher Fan von Bischofsmützchen in einer liebenswert menschlichen, mitunter urkomischen Schrulle zusammen. Firma dankt.

Die Abbotts – Wenn Hass die Liebe tötet

Weniger Weltflucht denn Nostalgie prägt die amerikanische Kinoproduktion Die Abbotts – Wenn Hass die Liebe tötet, die mit einiger Verspätung ins deutsche Fernsehen kam. Mit Joaquin Phoenix, Liv Tyler, Jennifer Connelly und anderen US-Jungstars hochkarätig besetzt, erzählt Pat O‘Connor hier ein Familiendrama aus uralter Zeit neu. Ein Hauch von „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ weht durch diese gut gespielte, aber überflüssige Reminiszenz an das Lebensgefühl der 50er Jahre, als sich Mädchen noch gegen ihre tyrannischen Väter auflehnen mussten und pubertierende Jungen mit angemalten Koteletten in bonbonfarbenen Schlitten à la Plymouth den Aufstand probten.

Liebe in jeder Beziehung

Bekannt geworden ist Jennifer Aniston als das Nervenbündel vom Dienst in der Serie „Friends“, hier ist sie in einer 20th-Century-Fox-Produktion zu erleben. An der Seite von Paul Rudd führt sie als Sozialarbeiterin Nina Borowski den schlagenden Beweis, dass auch eine Bindung zwischen einer Hetero-Frau und einem Homo ihre Tücken hat. Erzählt wird von einer freiheitsliebenden werdenden Mutter, die ihr Kind lieber mit ihrem schwulen Untermieter aufziehen will – sowie von einem aufgebrachten Erzeuger, der deren wunderbare platonische Freundschaft bezweifelt. Lauter fabelhafte Konstellationen, doch Liebe in jeder Beziehung verdient dieses unentschlossen zwischen Rührstück und Comedy pendelnde Movie deshalb noch lange nicht. Dafür fehlt es der Geschlechter- und Gesellschaftskomödie schlicht an zündenden Ideen, an Tempo und Witz.

Sara Amerika

Letztlich eher misslungen ist ein formal interessantes, aber über weite Strecken ermüdendes Wendedrama, das sich an die Fersen vierer Ritter von der traurigen Gestalt im Berlin des Jahres 1993 heftet. Sara Amerika von Roland Suso Richter stellt uns drei junge Herren und eine Frau unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft vor, die sich bei ihrer Suche nach dem persönlichen Glück immer wieder begegnen, schließlich aber in alle Himmelsrichtungen verlieren. Dennenesch Zoudé gibt eine Schwarze aus Amerika/Sachsen, die in der Hauptstadt ihrem Großvater und später in den Staaten ihrem Erzeuger begegnet, Thomas Heinze, Gregor Törzs und Oliver Korittke sind ihre männlichen Begleiter.

Dumm gelaufen

Eigentlich hat diese Komödie alles, was für eine Empfehlung spricht: Einen Regisseur mit Beobachtungsgabe und dem nötigen Gespür für Situationen und Timing (Peter Timm), zwei famose Hauptdarsteller in glänzender Laune (Bernd Michael Lade als Landwirt und Christiane Paul als Prostituierte), eine ganze Schar von herrlich verrückten Nebenfiguren, die ganz und gar diesem real-irrwitzigen Kosmos Mutter Erde entspringen (großartig zum Beispiel Armin Rohde als Dorfpolizist oder Natja Brunckhorst als „Jäger zu Jagdwurst“-skandierende, militante Tierschützerin), und darüber hinaus jenen tiefschwarzen Humor, um den man hierzulande die Briten schon immer beneidet. Auch die Grundkonstellation, so einfach sie ist, hat sich in der Geschichte des Films bereits durchaus als komödientauglich erwiesen: Kapriziöse Großstadtnutte trifft stoische Jungfrau vom Lande – und beide haben noch eine Leiche im Koffer. Doch so oft man diesen Film vor Freude an sein Herz drücken möchte, so oft unterfordert er einen mit allzu vorhersehbaren Momenten und einer doch immer durchscheinenden, schlicht altbackenen Moral, die auf unangenehme Weise aufdringlich um Sympathie buhlt: Dumm gelaufen.

Liebesluder

Das Dorf doch nicht wahr sein – das scheinen die oberen Herren in einer kleinen Stadt im Hochsauerland zu denken, als sie eines Tages die junge Studentin Ina in ihrer gemütlich-spießigen Mitte begrüßen dürfen. Ina, die sich ihnen nicht nur als jung, sondern auch als burschikos-attraktiv, zudem als blond und, was natürlich das Wichtigste ist, als überaus willig-bereit präsentiert, beflügelt die Hobbyflieger aus Passion zu lange vergessenen, leidenschaftlichen Gedanken. Plötzlich bricht die Erotik in die mühsam errichtete Ordnung der Honoratioren, deren Eckpfeiler Heim, Haus und himmelschreiende Biederkeit sind.

Einer nach dem anderen machen sie sich an Ina heran: Der schmierige Möchtegern-Dandy und Banker Peter, kurz Nase genannt, macht den Anfang, gefolgt von dem simpler gestrickten Besitzer des Sägewerks Wagner (Bruno Cathomas), der ihn leider nicht hochbringt, sogar der verschüchterte Flugplatzleiter Karuso (Matthias Matschke) versucht sein Glück. Und alle dürfen sich in den allerschönsten Hoffnungen wiegen. Bis zu dem Zeitpunkt, da das gerissene Liebesluder ihren Verehrern eröffnet, dass sie guter Hoffnung sei – und jeder von ihnen ein potenzieller Erzeuger.

Eine verhängnisvolle Geschichte von Lebenslügen erzählt Detlev Buck in seinem neuesten Film, aber eine schwarze Komödie, wie es das Presseheft vorgibt, eigentlich nicht. Eine der wenigen wirklich komischen Szenen in dieser letztlich tragischen Farce hat die hier erstmals in einem Kinofilm agierende TV-Comedy-Fachfrau Anke Engelke, wenn sie das mickrige Bäumchen vor ihrem Häuschen beim Einparken platt macht – ein herrliches Gleichnis für die Kleingeistigkeit in der Provinz. Doch noch nicht einmal bei dieser Szene möchte man lachen. Viel zu bitter schmeckt die von Niedertracht, Engstirnigkeit, Hab-und Eifersucht gestörte Welt des säuberlich aneinander gereihten Fachwerks.

Waren speziell Bucks frühe Filme wie „Karniggels“ und „Hopnik“ von einer tiefen Liebe zum norddeutschen Flachland und seinen rätselhaften Kuhmördern, Bullen und Grenzern gezeichnet, sympathischen Verlierern, die auch Gewinner sein können, so ist sein Blick spätestens in der Öde des Hochsauerlands pessimistisch geworden. Mitgefühl hat man in „Liebesluder“ allenfalls mit einer Figur, und die spielt er bezeichnenderweise selbst. Wenn der mit dem allzu argwöhnischen Frauenzimmer Suse (bemerkenswert: Barbara Philipp als tobende Furie) gestrafte Wusch erfährt, dass er sich irrtümlich von seiner trotz allem geliebten Gattin befreit hat, dann kommt zum ersten und einzigen Mal so etwas wie ein echtes Gefühl auf in diesem Film, der ansonsten nur von Eigennutz handelt.

Dennoch fördert Detlev Buck in dieser mit lakonischem Witz erzählten, im Grundton aber düsteren Mixtur aus Landkrimi, Tragikomödie und spöttischer Charakterstudie heitere, erhellende Momente zu Tage. Etwa, wenn die traute Runde der Damen unbekümmert über das Eintuppern plaudert, während die Herren, deren Alimente-Rechner auf Hochtouren laufen, überlegen, ob sie mit Ina das machen sollen, was man auf dem Land eben mit jungen Katzen so tut. Etwas zu behäbig vielleicht, aber stringent entwickelt bricht sich ein böses Drama Bahn, das nicht die Herren ihr Nerven (ein Seitensprung kostet so viel wie ein Einfamilienhaus im Hochsauerland) und Wuschs Frau Suse das Leben kostet.

Nach seiner gänzlich missglückten Sozialklamotte „Liebe deine Nächste“ um zwei Soldatinnen Gottes, die einen herzensschlechten Rationalisator und Frauenheld Mores lehren, ist Detlev Buck zwar nicht seinem Anspruch, ein Markenzeichen für den deutschen Film zu sein, gerecht geworden, wie es das rot aufs gelbe Presseheft gestempelte „Jetzt wird’s ernst: Der neue Buck“ suggeriert – dafür aber ist er wieder ein gutes Stück jener Zeit näher, da man noch fieberhaft auf seinen nächsten Komödienstreich hoffte.

Taxandria

Im fernen Taxandria verschmelzen eingefleischte Vollblutschauspieler wie Armin Mueller-Stahl oder Katja Studt mit den surrealistischen Visionen des Malers und Animationsfilmers Raoul Servais. Vier Jahre lang bastelten die Techniker an der optimalen Mischung der digitalen und realen Bilder, und das Ergebnis gibt ihnen recht: „Taxandria“ ist nicht nur eine der teuersten europäischen Koproduktionen geworden, sondern auch einer seiner wertvollsten Beiträge zum phantasievollen Umgang mit dem Medium Film. Dabei ist die Fabel des zeitlosen Märchens vergleichsweise einfach: Gemeinsam mit dem Leuchtturmwärter Karol lernt der junge Prinz Jan – anstatt mit seinem Privatlehrer schnödes Schulwissen zu büffeln – die Macht der Kontrolle als hohle Hülle und den Geschmack von Freiheit und Gefangenschaft kennen.