Der kleine Dieb

Vom jungen französischen Regisseur Erick Zonca als „Faustschlag durch die Mattscheibe“ intendiert und bisweilen wahrhaft schockierend, erzählt Der kleine Dieb die an sich einfache Entwicklungsgeschichte eines Bäckergehilfen zum Handlanger eines im Grunde ebenso kleinen Sparschweinknackers und Luden in Marseille (und zurück). In gerade einmal 63 Minuten kurvt dieser harte und düstere Krimi durch einen zwar lauten, aber nahezu stummen und nur von einigen heftigen verbalen Attacken begleiteten Parcours von Vergewaltigung, Raub und Prostitution. Dabei entwirft Zonca das Bild einer Jugend, die mit Politik überhaupt nichts am Hut hat, sondern nur noch versucht, irgendwie „ihr Ding“ zu machen.

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Jenny Berlin – Tod am Meer

Bella Block und Rosa Roth haben eine neue Kollegin: die Berufsanfängerin Jenny Berlin, beschäftigt bei der Hamburger Kripo. Dass sie gleich in ihrem ersten Fall Tod am Meer eine ziemliche Schlappe erlebt, ist charakteristisch für ihre Rolle. Wie schon ihre Vorgängerinnen beim ZDF hat auch diese junge Samstagspolype nicht nur ihre sympathisch-energische, sondern auch ihre verletzliche Seite. Die von Autor Richard Reitinger entworfene Frauenfigur überrascht mit unaufdringlich erzählten, an menschlichen Schicksalen interessierten Geschichten und wird von Aglaia Szyszkowitz überzeugend gespielt.

Polizeiruf 110 – Gelobtes Land

Einem weiteren Kapitel deutschen Verbrechens nimmt sich der Polizeiruf 110 – Gelobtes Land an. In eher solider TV-Manier und mit der etwas zu überdeutlichen Absicht, den Zuschauer über einen Missstand in diesem Land aufzuklären, führt Peter Patzak uns das Schicksal des afrikanischen Asylbewerbers Jonah Dibango (Aloysius Itoka) vor, der in Bayern vergeblich auf die Ankunft des Fluchthelfers seiner beiden Töchter wartet. Erfreulich allerdings ist der Auftritt der neuen Kollegin von Jürgen Tauber (Edgar Selge): Michaela May gibt die energische Kripobeamtin Jo Obermaier mit reichlichem Charme, mit Verve und Esprit.

Zerbrechliche Zeugin

In seinem Krimi Zerbrechliche Zeugin führt Ben Verbong zwei Außenseiter zusammen, die sich unter gewöhnlichen Umständen wohl nie näher gekommen wären. Die 19-jährige, geistig behinderte Emma beobachtet gemeinsam mit dem Stricher Mike einen Mord, doch da man sie auf dem Kommissariat für zu labil und somit für unglaubwürdig befindet, sind die beiden von nun an auf sich selbst gestellt und haben alsbald den Killer auf ihren Fersen. Der kriminalistische Plot dieses Films allerdings ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, eine Art modernes Märchen zu spinnen. Hier triumphiert der unbeugsame Wille des Mädchens, nicht schlicht für bekloppt gehalten zu werden, über die von Vorurteilen verblendeten Angehörigen und Polizisten, die Reinheit eines einfachen Herzens über angelernte und trainierte Dünkel. Ein ungewöhnlich bewegender Film mit zwei bemerkenswerten Hauptdarstellern: Neben Anne Kanis glänzt Tobias Schenke.

Tatort – Bienzle und der süße Tod

„Never change a winning team“ – für einen Jubiläums-Tatort aus Stuttgart gilt das gleich in mehrfacher Hinsicht. Seit zehn Jahren bekämpft Dietz-Werner Steck in der Rolle des Ernst Bienzle kapitale Verbrechen in Schwaben an der Seite seines aus Berlin stammenden Assistenten Günter Gächter (Rüdiger Wandel), das Krimi-Urgestein Felix Huby liefert die Bücher dazu und – last but not least – erleben wir den Kommissar unseres Vertrauens seit eben dieser Zeit im Beziehungs-Clinch mit seiner geliebten Hannelore (Rita Russek). Bissele spät für die Goldene Hochzeit, und so dröselt auch der neueste, insgesamt 16. Fall Bienzle und der süße Tod das gewohnt gediegene Mörderquiz am offenen Feuer auf. Wen die maßgebliche Story um die zerrütteten Familienverhältnisse einer ehemaligen Pianistin weniger interessiert, der kann sich in der jüngsten Folge immer noch mit Kommissar Agamemnon, dem Bernhardiner seines Vertrauens, anfreunden.

K3 – Kripo Hamburg: Auf dünnem Eis

Schon seit 1987 versetzen „Die Männer vom K3“ die Hamburger Unterwelt höchst erfolgreich in Angst und Schrecken, doch nach gut drei Dutzend abgeschlossenen Fällen hat sich der produzierende NDR jetzt zu einem Relaunch der Krimiserie entschlossen. K3 – Kripo Hamburg nennt sich das neue Format leicht abgewandelt, und behandelt auch weiterhin klassische Whodunits, um das Stammpublikum nicht zu verprellen. Dafür ermitteln mit Ulrich Pleitgen, Oliver K. Wnuk, Jürgen Tonkel und Oliver Bäßler sage und schreibe vier Kommissare, die sich gleich in der ersten Serienepisode Auf dünnem Eis bewegen: Für den brutalen Mord an dem zwielichtigen Kaufmann Pöschel kommen allzu viele Verdächtige in Frage. Größtes Plus der von den beiden alten TV-Füchsen Friedemann Fromm (Regie) und Norbert Ehry (Buch) gestalteten Eröffnungsfolge ist ihr unaufdringlich eingestreuter Humor. Und die bereits gut ausgereifte Chemie zwischen den sehr unterschiedlich temperierten Cops sorgt ständig für weiteren Zündstoff.

Tatort – Väter

Landratten und Kielschweine! Schon seit 25 Jahren wagte es kein einziger Verbrecher mehr, seinen Fuß in die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein zu setzen! Und das alles verdanken wir dem legendären Kommissar Finke, der unter der Regie von Wolfgang Petersen sein „Reifezeugnis“ ablegte und Kiel in nur schlappen acht „Tatort“-Folgen von jeglichem kriminellen Abschaum befreite. Doch wehe. Klaus Schwarzkopf wird nicht der einzige Kieler „Tatort“-Kommissar bleiben. Unter der Initiative von Axel Milberg hat der NDR die Küstenstadt wieder zum Ort des Verbrechens erklärt und lässt ihn nun dort unter dem Decknamen Borowski ermitteln. Doch wie heißt es schon im Sprichwort? Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Milbergs erster Tatort – Väter ist eine komplette Enttäuschung, der das altehrwürdige Format gedanklich wie inszenatorisch um mehrere Dekaden zurückwirft und kaum neugierig auf eine Fortsetzung seiner Bemühungen um Recht und Ordnung macht.