DOPPELGÄNGER

DOPPELGÄNGER

Ich sehe ihn, wenn er abends am Fenster steht
und den Mond anstarrt,
die Zigarette in der Hand,
ich sehe ihn, wenn er nicht schlafen kann,
wenn er wie ein Tiger im Käfig auf
und ab geht, ich sehe ihn,
wenn er sich hasst,
wenn er dasitzt und wie irre lacht,
über dich und Napalm, Mücken,
ich sehe seine Augen rot
und seine Nägel lang werden,
so lang wie den Weg,
den er zu gehen hat,
ich sehe ihn,
wenn er morgens dem Spiegel
die Zähne zeigt,
wenn er sein Frühstücksei köpft,
ich sehe ihn durch den Regen gehen,
in Gedanken, ich sehe ihn
in fremden Städten,
ich sehe ihn, wenn er vor ihr steht,
wenn sie ihn an ihre Seite nimmt,
wenn ihm der Faden reißt,

ich sehe ihn jeden Tag,
und ich wünschte,
ich wäre wie er.

Aus der Sammlung „Das Geheimnis der hinkenden Enten“, 1987. Illustration: Anne Dingkuhn

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LOOPING

LOOPING

Du sprichst schon
seit Stunden,
aber du machst den
Mund nicht auf –
genau wie ich,
und als ich meine Finger
auf deine Lippen lege,
lachst du,
senkst den Blick,
und mir wird schwindlig
wie dem Drink, den
deine Hand
dreht und dreht.

zuerst erschienen in: Axel Kutsch, Michael Rupprecht (Hgg.): Wortnetze. Neue Gedichte deutschsprachiger Autoren, Köln 1988

ALEA IACTA EST

ALEA IACTA EST

Ihr Name ist
unwichtig.

Im Sommer schwitzt sie
in ihrem Trenchcoat,
und im Winter
friert sie darin.

Die ganze Welt
hält sie für verrückt,
aber sie lacht
und sagt,
sie wüsste halt noch immer nicht,
was schlimmer ist.

Aus der Sammlung „Das Geheimnis der hinkenden Enten“, 1987. Illustration: Anne Dingkuhn

EINE HALBE TREPPE TIEFER

EINE HALBE TREPPE TIEFER

Aus Silberfischchen
wird man niemals
wirklich schlau.

Manchmal hocke ich
die ganze Nacht
hier unten
und erzähle ihnen
mein Leben.

Zunächst zeigen sie auch
Verständnis und nicken geduldig
mit den Köpfen, aber
spätestens beim Morgengrauen
fangen sie an zu kichern
und meinen,
ich sollte mich lieber
einen Dreck um so
kleine Fische scheren.

Aus der Sammlung „Das Geheimnis der hinkenden Enten“, 1987. Illustration: Anne Dingkuhn

FREUND FROSCH

FREUND FROSCH

Du sagst also, dein Globus
sei runtergefallen,
genau auf deinen Kopf,
und später seien dann noch
die Maler gekommen,
um dein Hirn neu zu streichen,
völlig klar, ich hab‘ schon
verstanden, unmöglich,
dass du kommen kannst,
na schön, meinetwegen,
dann leg‘ jetzt auf,
mich kratzt das alles
nicht die Spur.

Mein Freund, der Frosch
(ich hab‘ ihn Brutus getauft),
der fragt nicht erst lange
und quatscht dann blöd ‘rum,
der lacht mich an,
die ganze Zeit,
mit riesengroßen Plastikaugen,
und trägt ein Kettchen
an seinem Hals
auf dem steht, dass er
mich liebt.

Aus der Sammlung „Das Geheimnis der hinkenden Enten“, 1987. Illustration: Anne Dingkuhn

DIE LETZTE (ÖSTERREICHISCHE) ZIGARETTE

Es ist schon spät und aussichtslos
erscheint des Wartens lange Müh‘
ich würde ja noch gerne, bloß
mein Wecker weckt mich schon des Früh.

Ich seufze – seufz – und will schon heim,
als eine Zigarette
fragt, ob ich nicht etwas Time
für sie und Feuer hätte.

Sie duftet so wie Tabak riecht
und trägt ein feines Paper-Shirt,
ist gertenschlank (woran mir liegt)
und lächelt keck: Für einen Flirt?

Ich zögere, ich könne nicht,
erzähle ihr von meinem Chef,
doch spür‘ ich schon, mein Herz, es bricht:
Was wenn ich sie nie wieder Treff?

Ich hab‘ schon manche Chance verpennt,
ich fleh‘ sie an: Lass es geschehn,
dass keine Macht der Welt uns Trend,
vom Präser einmal abgesehn.

Nicht hier, sagt sie, mich kratzt dein Bart,
ach sei so nett, rasiere dich.
Sie lächelt sanft, sie lächelt Smart,
und ich – wie dumm! – geniere mich.

So bin ich halt. Ich frage frech:
Wie wäre es in meinem Bett?
Sie lächelt zart: Nun red‘ kein‘ Blech,
ob ich denn sonst kein Hobby hätt‘?

Gesagt, getan, ich rauche froh
und trinke noch ein Achtel,
zum Abschied haucht sie: Da Capo,
doch da ist nur die Schachtel.