Weihnachtsfieber

Von Paul Harathers Weihnachtsfieber lässt man sich gerne anstecken. Der zweite Kinofilm des Regisseurs, ebenso wie dessen „Indien“-Debüt eine gelungene Mischung aus Off-Road-Movie und pointiertem Situationswitz, schweißt einen bestens aufgelegten Uwe Ochsenknecht und eine herrlich genervte Jahresendflügelpuppe (Barbara Auer) zu einer unfreiwilligen Fahrgemeinschaft zusammen, die im Zuge ihrer gemeinsamen Reise immer häufiger die Selbstkontrolle verlieren, dafür aber ein paar ganz einfache Einsichten in ihr Leben gewinnen. Hier prallen eine überzeugte Verächterin des Weihnachtsrummels und ein leidenschaftlicher Fan von Bischofsmützchen in einer liebenswert menschlichen, mitunter urkomischen Schrulle zusammen. Firma dankt.

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Die Kreuzritter

KirchMedia rief „Es ist Glaubenskrieg!“ und alle, alle kamen: Thomas Heinze (Prinz Roland) ebenso wie Johannes Brandrup (Richard), Thure Riefenstein (Andrew) ebenso wie Alessandro Gassman (Martin), Uwe Ochsenknecht (Corrado) und der alte Glockengießer Armin Mueller-Stahl sowieso. Sogar Franco Nero hat den Weg nach Marokko gefunden, um Die Kreuzritter bei ihrem Kampf um das verlorene Hl. Land zu unterstützen und nahtlos an Erfolge wie „Zwiebel-Jack räumt auf“ anzuschließen. Alles in allem eine vor allem lange und deshalb auf zwei Sendetermine verteilte deutsch-italienische Koproduktion, deren rührige Blutvergießen-ist-böse-Botschaft im Aufwand der nicht enden wollenden Schlachtengetümmel erstickt.

Engelchen flieg!

Ein neuer Tag beginnt. Während man anderswo in aller Seelenruhe Frühstückseier köpft, stehen die Kollers Kopf. Mutter Hanna hat alle Hände voll zu tun, ihre vierköpfige Familie aus dem Haus zu bringen, Vater Michael (Uwe Ochsenknecht) kommt schon wieder nicht aus den Federn, Sohn Patrick verlangt ungeduldig nach seinem Brot, die Elektro-Steuerung des Rollstuhls der Tochter Pauline streikt. Ab der ersten Sekunde seines Dramas Engelchen flieg! konfrontiert Regisseur Adolf Winkelmann den Zuschauern mit dem Stress, dem Lärm und der Hektik, der den Alltag einer Familie mit einem körperlich schwerstbehinderten Kind dominieren. Entstanden nach einem Drehbuch von Werner Thal, dem leiblichen Vater der behinderten Pauline und ihres Bruders, spielen sich seine Lebensgefährtin Corinna Beilharz und ihre zwei Kinder Marlene und Moritz gewissermaßen selbst in einer zwar autobiografisch gefärbten, aber fiktionalen Geschichte, die bei aller Dramatik der angespannten Situation auch Zeit für humorvolle Betrachtungen findet.

Harte Brötchen

Man muss sich schon wundern. Da übernimmt mit Uwe Ochsenknecht einer der renommiertesten Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler eine Hauptrolle in dem Debütfilm einer Nachwuchsautorin, und dann kratzt er nach weniger als 20 Minuten die Kurve. In der Zielgeraden ist sein Wettfavorit eingebrochen, und nun hockt der hoch verschuldete Kioskbesitzer an seiner Bude und ahnt – vor seinem geistigen Auge trabt vermutlich noch einmal sein heißer Tipp Himmelsbote als Zweiter dem Einlauf entgegen – den Herzkasper kommen.

Vor gut einem Jahr legte der Frankfurter Regisseur Tim Trageser seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. Schon in „Clowns“, einer mit leichter Hand inszenierten Mischung aus Krimikomödie und Liebesgeschichte, kündigte sich sein ungewöhnliches Talent für ausgefeilt choreografierte und doch wie spielerisch wirkende Situationskomik an. In seinem neuen Film wird sie zum stilbildenden Faktor: Wenn Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback, ironischerweise zeitgleich von einem Spielzeugpfeil seines Enkels getroffen, verstirbt und im Fallen noch das Statussymbol eines erfolgreichen kaufmännischen Lebens – seinen Mercedes-Stern – mit ins Grab nimmt, dann ist ein erster Höhepunkt in einer originellen, herzlichen Hommage an das Kohlenrevier erreicht.

Schwarzer Humor darf in einem Film über den „Pott“ nicht fehlen. Ebenso wenig wie die ewig nörgelnde Hausfrau, die tagaus, tagein ihre Pissnelken von Nachbarn aus dem sicheren Abstand ihres Fensterplatzes belästigt. Im besten Ruhrgebietsdialekt erklärt die gebürtige Buletten-Berlinerin Christa, langjährige Gattin des verstorbenen Verkaufshallenleiters, dass nun endlich Schluss sei mit der ganzen Folklore, und verbannt das arbeitslose Gesocks von der Bude. Übernahm in Tim Tragesers erstem Film noch Anna Thalbach den Part der weiblichen Hauptrolle, so steht ihm jetzt mit deren Mutter Katharina eine sogar noch etwas berühmtere Kollegin mit ihrem vielseitigen und ausdrucksstarken Spiel zur Verfügung. Welchen Glücksfall die beiden Thalbachs für das deutsche Fernsehen bedeuten, zeigte sich in der unlängst ausgestrahlten Dorfchronik „Liebesau – Die andere Heimat“, in der sie die Rolle der Gerti in verschiedenen Altersabschnitten spielten. In „Harte Brötchen“ erleben sie nun ihre Premiere als Film-Mutter und -Tochter, und auch wenn man sich erst noch an den Anblick der auf Dauerwelle getrimmten „Uroma“ Thalbach gewöhnen muss, wünscht man sich viele weitere gemeinsame Auftritte der beiden Vollblutschauspielerinnen.

Die Jungs sind von der Bude vertrieben, die Ameisen nicht. Ohne die besonderen Kenntnisse ihres Mannes ist die allein auf sich gestellte Christa Zerrback aufgeschmissen und „der unverfälschteste Kiosk“ im Revier steht vor dem Ruin. Die eine Tochter bietet mit ihrem eigenen Nachwuchs Mehrarbeit an, und auch die andere ist ihr keine richtige Hilfe, wenn sie versucht, ihr einen Verkäuferposten bei einem Supermarkt zu besorgen –  die eingefleischte Vegetarierin Christa sieht sich schon an der Wursttheke enden. Nein, zum Feind überlaufen, das gilt nicht – da reicht Christa schon die Unterstützung der Familienältesten Hanna, die regelmäßig die Waschmaschine überlaufen lässt. Lieber beißt die giftige Furie die Zähne zusammen, überwindet ihren Ekel vor toten Tieren und besinnt sich auf Theo Zerrbacks Frikadellen-Rezept: Du nimmst Öl wie ein Irrer. Salz wie ein Weiser…

Ohne das märchenhaft-fantastische Element käme in Tim Tragesers Tragikomödie kein richtiger Zauber in der Bude auf. Denn natürlich lässt sich Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback eben doch nicht einfach so nach 20 Minuten vom Bildschirm vertreiben. Wie die Drehbuchautorin Sylvia Leuker die Wiederauferstehung des gelernten Fleischermeisters in ihre famose, vor ironischem Witz nur so sprühende Geschichte eingebaut hat, das sollte jeder selbst herausfinden. Ein herrlicher Film und ein bewegendes Lehrstück zum Thema Loslassenkönnen und Abschiednehmen, in dem Katharina Thalbach alias Christa Zerrback dann doch noch zu einer neuen Liebe und ihrem ersten Feinkostladen kommt. Die Hackfleisch-Ordnung ist schließlich eine Berliner Erfindung.

Operation Noah

Ein Plot à la Bond – totgeglaubter Wissenschaftler bedroht die Bundesregierung mit einer Bombe -, ein Pärchen à la Reeves & Bullock – Sprengstoffexpertin Lucky (Stephanie Philipp) rekrutiert bei ihrer Jungfernentschärfung den Bohrarbeiter Jan (Jörg Schüttauf) -, und jede Menge Spannungselemente aus dem Sicherungskasten: Autor Horst Freund und Regisseur Achim Bornhak beherrschen ihr Handwerk. Zwar ist nichts an ihrem Actionthriller neu – auch hier verhindert ein Sturm die Evakuierung der bedrohten Bohrinsel, und die Auflösung der explosivsten Szenen erinnert frappant an „18 Stunden bis zur Ewigkeit“ – dennoch bewegen sie sich mit dieser Inszenierung auf internationalem Niveau. Und Uwe Ochsenknecht als ermittelnder Beamter des BKA ist fast so schön verschnupft wie in „Schtonk!“: Operation Noah gelungen, Patient lebt.

Tollpension

Schon seit 15 Jahren freut sich Familie Mahlström jeden Sommer auf den gemeinsamen Urlaub und auf ein Zimmer mit Meerblick an der Ostsee, doch in diesem Jahr ist alles anders. Vater Kurt (Uwe Ochsenknecht) steht kurz vor der Arbeitslosigkeit und schurigelt den Nachwuchs und die Frau, Mutter Marga (Petra Zieser) bekommt kein neues Kleid und bandelt dafür mit dem Pfarrer an, Tochter Kati (Nina Szeterlak) riskiert leichtfertig ihre Jungfräulichkeit, und Felix (Kevin Köppe), der Jüngste, wird nach einem Kampftrinken sturzbesoffen heim in die Tollpension getragen. Nach einem schon beängstigend harmlosen Drehbuch von Anne Müller entstanden, sucht man in dieser reaktionären Sommerkomödie um eine Gruppe geistig Behinderter und eine wirklich bekloppte Familie vergeblich nach einer einzigen neuen Idee. Am Ende bekommt Paradehirni Rolf (Bobby Brederlow) einen Kuss, und dann ist endlich Schluss.