Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet? (2009)

In liebevoller Handarbeit gefertigter Knet- und Stop-Motion-Animationsfilm von Adam Elliot, der seinem Publikum die tragikomische Geschichte einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft zwischen einem New Yorker Sonderling und einem einsamen australischen Mädchen namens Mary Daisy Dinkle erzählt, das sich nach anfänglicher Euphorie über den neugewonnenen Briefkontakt am Boden zerstört im Selbstmitleid suhlt, als dieser den Schriftverkehr für längere Zeit unterbricht. In hohem Maße fantasievoll gestaltet und zwischen bitterem Sarkasmus und anrührender Anteilnahme für seine Figuren ausbalanciert, wirbt dieser zugleich an „Wallace & Gromit“ und „Sin City“ erinnernde Film um mehr Nachtsicht und Verständnis für jedwede Form menschlicher Macken, wenn der unter Panikattacken leidende Max Jerry Horowitz, als jüdischer Atheist und ehemaliger Kommunist strikt auf ein „symmetrisches“ Leben bedacht, zwischenzeitlich in der Nervenheilanstalt landet oder die Typen seiner Schreibmaschine wutentbrannt um das „M“ reduziert.

Fr., 21. Februar, 20.15 Uhr, Kinowelt TV

Der kleine Tod – Eine Komödie über Sex (2014)

Episodische Tragikomödie um mehrere Liebespaare im australischen Sydney, die allesamt zum Opfer ihrer sexuellen Obsessionen werden oder zu werden drohen. Geschickt pointiert und oft mit bösem Humor ausgestattet, kulminiert dieser insgesamt unterhaltsame Film in einer sehr gelungenen, finalen Telefonsex-Episode, in der die Video-Dolmetscherin Monica ein per se unfreiwillig komisches Gespräch mit einer Sex-Hotline in Gebärdensprache übersetzt.

Fr., 07. Februar, 22.25 Uhr, 3 SAT

St. Vincent – Mein himmlischer Nachbar (2014)

Durch Situationskomik und Schlagfertigkeit überzeugende Tragikomödie um einen auf Krawall gebürsteten „Klugscheißer“ und Vietnam-Veteranen, der, von den Kosten des Seniorenheim-Aufenthaltes seiner Frau gebeutelt und von Gläubigern verfolgt, zum „Babysitter“ für einen Nachbarsjungen wird, der ihn aus Dankbarkeit für die ihm erteilten Lebenslektionen im Rahmen einer Schulaufgabe zum „Heiligen“ erklärt. Schräge Antihelden-Komödie mit Bill Murray, die ihre herzergreifende Botschaft über eine alltagstaugliche und erfrischend realitätsnahe Geschichte transportiert.

Do., 09. Januar, 23.25 Uhr, WDR

Altweibersommer (2000)

Ein kleines Sommerloch-Highlight präsentiert uns Martina Elbert mit ihrem Debütfilm Altweibersommer. Die Absolventin der Münchner Drehbuchwerkstatt zeichnet nicht nur ein gerüttelt Maß an Fingerspitzengefühl aus, wenn es um pointierte Dialoge und die Entwicklung lebendiger Charaktere geht, auch als Regisseurin besteht die zuvor nur durch Kurzfilme hervorgetretene Newcomerin die Feuertaufe. Was nur durch Gagenrückstellung aller Beteiligten (keine Seltenheit heute) als Low-Budget-Film möglich wurde, erweist sich als die rundum gelungene Geschichte dreier in die Jahre gekommener Busenfreundinnen, die sich um die kostspielige Brustrekonstruktion der einen bemühen. Diese drei Damen sind schrill, verletzlich, eigenwillig, kurz: alles, was einen richtigen Menschen ausmacht. Und sie werden von drei hervorragenden Schauspielerinnen verkörpert: Christa Berndl, Anaid Iplicjian und Doris Schade, die nur äußerst selten auf dem Bildschirm zu bewundern ist und sich bezeichnender Weise nicht für diese erstklassige Rolle zu schade war, halten perfekt die Balance zwischen komischen und ernsten, berührenden Momenten. Gastauftritte von Mambo Kurt und Paulchen Kuhn ergänzen diese auch musikalisch sympathische Tragikomödie, die keineswegs nur etwas für die älteren Semester und den Fernsehzuschauern ist.

Der Freund meiner Mutter (2002)

Der Freund meiner Mutter ist eine Tragikomödie um ein 16-jähriges Hockeytalent, ihre allein erziehende Mutter und deren jüngste intime Bekanntschaft. Dagmar Knöpfel hat im Wesentlichen einen Film über eine Mutter-Tochter-Beziehung in der Krise und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens inszeniert, der mit der Nachwuchsdarstellerin Nadja Bobyleva sowie Anica Dobra und Jürgen Vogel sehenswert besetzt ist. Nach ihrem Debütfilm „Harte Brötchen“ präsentiert sich die Drehbuchautorin Sylvia Leuker mit einem soliden, aber streng konventionell gestalteten TV-Unterhalter.

Himmelreich auf Erden (2002)

Robert Rutzmoser (Frederic Welter), 18, verunglückt mit seinem Wagen und muss fortan als echter Bekloppter seinen Platz in einem geistig behinderten Niederbayern finden. Auf der Suche nach dem Himmelreich auf Erden begegnet er der jungen Neuropsychologin Julie Stiller (Christiane Paul), in die er sich selbstredend verguckt. Torsten C. Fischer ist ein ungewöhnlicher, facettenreicher Film zwischen satirischer Heimatkomödie und engagiertem Liebesdrama gelungen.

Harte Brötchen (2002)

Man muss sich schon wundern. Da übernimmt mit Uwe Ochsenknecht einer der renommiertesten Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler eine Hauptrolle in dem Debütfilm einer Nachwuchsautorin, und dann kratzt er nach weniger als 20 Minuten die Kurve. In der Zielgeraden ist sein Wettfavorit eingebrochen, und nun hockt der hoch verschuldete Kioskbesitzer an seiner Bude und ahnt – vor seinem geistigen Auge trabt vermutlich noch einmal sein heißer Tipp Himmelsbote als Zweiter dem Einlauf entgegen – den Herzkasper kommen.

Vor gut einem Jahr legte der Frankfurter Regisseur Tim Trageser seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. Schon in „Clowns“, einer mit leichter Hand inszenierten Mischung aus Krimikomödie und Liebesgeschichte, kündigte sich sein ungewöhnliches Talent für ausgefeilt choreografierte und doch wie spielerisch wirkende Situationskomik an. In seinem neuen Film wird sie zum stilbildenden Faktor: Wenn Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback, ironischerweise zeitgleich von einem Spielzeugpfeil seines Enkels getroffen, verstirbt und im Fallen noch das Statussymbol eines erfolgreichen kaufmännischen Lebens – seinen Mercedes-Stern – mit ins Grab nimmt, dann ist ein erster Höhepunkt in einer originellen, herzlichen Hommage an das Kohlenrevier erreicht.

Schwarzer Humor darf in einem Film über den „Pott“ nicht fehlen. Ebenso wenig wie die ewig nörgelnde Hausfrau, die tagaus, tagein ihre Pissnelken von Nachbarn aus dem sicheren Abstand ihres Fensterplatzes belästigt. Im besten Ruhrgebietsdialekt erklärt die gebürtige Buletten-Berlinerin Christa, langjährige Gattin des verstorbenen Verkaufshallenleiters, dass nun endlich Schluss sei mit der ganzen Folklore, und verbannt das arbeitslose Gesocks von der Bude. Übernahm in Tim Tragesers erstem Film noch Anna Thalbach den Part der weiblichen Hauptrolle, so steht ihm jetzt mit deren Mutter Katharina eine sogar noch etwas berühmtere Kollegin mit ihrem vielseitigen und ausdrucksstarken Spiel zur Verfügung. Welchen Glücksfall die beiden Thalbachs für das deutsche Fernsehen bedeuten, zeigte sich in der unlängst ausgestrahlten Dorfchronik „Liebesau – Die andere Heimat“, in der sie die Rolle der Gerti in verschiedenen Altersabschnitten spielten. In „Harte Brötchen“ erleben sie nun ihre Premiere als Film-Mutter und -Tochter, und auch wenn man sich erst noch an den Anblick der auf Dauerwelle getrimmten „Uroma“ Thalbach gewöhnen muss, wünscht man sich viele weitere gemeinsame Auftritte der beiden Vollblutschauspielerinnen.

Die Jungs sind von der Bude vertrieben, die Ameisen nicht. Ohne die besonderen Kenntnisse ihres Mannes ist die allein auf sich gestellte Christa Zerrback aufgeschmissen und „der unverfälschteste Kiosk“ im Revier steht vor dem Ruin. Die eine Tochter bietet mit ihrem eigenen Nachwuchs Mehrarbeit an, und auch die andere ist ihr keine richtige Hilfe, wenn sie versucht, ihr einen Verkäuferposten bei einem Supermarkt zu besorgen –  die eingefleischte Vegetarierin Christa sieht sich schon an der Wursttheke enden. Nein, zum Feind überlaufen, das gilt nicht – da reicht Christa schon die Unterstützung der Familienältesten Hanna, die regelmäßig die Waschmaschine überlaufen lässt. Lieber beißt die giftige Furie die Zähne zusammen, überwindet ihren Ekel vor toten Tieren und besinnt sich auf Theo Zerrbacks Frikadellen-Rezept: Du nimmst Öl wie ein Irrer. Salz wie ein Weiser…

Ohne das märchenhaft-fantastische Element käme in Tim Tragesers Tragikomödie kein richtiger Zauber in der Bude auf. Denn natürlich lässt sich Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback eben doch nicht einfach so nach 20 Minuten vom Bildschirm vertreiben. Wie die Drehbuchautorin Sylvia Leuker die Wiederauferstehung des gelernten Fleischermeisters in ihre famose, vor ironischem Witz nur so sprühende Geschichte eingebaut hat, das sollte jeder selbst herausfinden. Ein herrlicher Film und ein bewegendes Lehrstück zum Thema Loslassenkönnen und Abschiednehmen, in dem Katharina Thalbach alias Christa Zerrback dann doch noch zu einer neuen Liebe und ihrem ersten Feinkostladen kommt. Die Hackfleisch-Ordnung ist schließlich eine Berliner Erfindung.