NICHT VON PAPPE – DIE POSTKARTENSAMMLUNG DER GEBRÜDER KARASSOW

von Sönke Lars Neuwöhner und Roland Oelfke

  1. Karte: (Bob Karassow, Abb.: Ein schwarzer Mann beim Longdrink)
    Mein lieber Ilja Karassow! Ich weiß, ich hatte Dir versprochen, zu Deinem Geburtstag in Rom einzutreffen, aber die Arbeiten an meinem neuen Werk »Die Er­findung der Korrespondenz« haben mich völlig in Anspruch genommen. Es soll, zum ersten Mal in meiner Karriere, ein anspruchsloses Werk werden. Bitte keinen Widerspruch! Jolassa hat sich schon wieder verliebt. Ich sehe ihn nur noch lächeln, aber eigentlich sehe ich ihn gar nicht mehr. Wie geht es Tommasow? Und Dir? Verzeih. Ich werde spätestens im Mai zu unserer gemeinsamen Reise bereit sein. Grüße Deine Frau und denke bitte daran, mir die Photographie von dieser sehr talentierten Schauspielerin zu schicken, von der Du so schwärmtest. Vielleicht kann ich hier in Tanger etwas für sie tun. Wie immer – Bob.

Bemerkung: Die Reise, von der hier die Rede ist, und die die Brüder Karassow Zeit ihres Lebens planten, aber nie antraten, sollte ans Ende der Jacht gehen. Warum die Reise niemals zustande kam, ist unklar. Vielleicht lag es daran, dass Ilja Karassow eher ein mobiler Typ, Bob Karassow eher ein Herumtreiber war. 

  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Eine bemerkenswert braune Ingrid Bergman)
    Mann, Mann, Mann, Bob, ich bin aus dem Alter raus, ich kann Dir sagen! Anfangs ließ sich ja alles ganz nett an mit Claire, so durch Trastevere spazieren und in diversen Stadtbrunnen baden und so. Aber schau Dir das Foto an (Du wolltest es ja unbedingt haben), und Du wirst verstehen: Diese Frau ist langfristig der gebräunte Horror. Jeden Tag in diesem gottverdammt heißen Rom rennt die ins Solarium, und bevor sie zu mir ins Bett steigt, steht sie stundenlang vor dem Spiegel und legt drei Schichten Nachbräunungspaste auf. Naja, jetzt ist es vorbei, Anna hat es spitzgekriegt und mich rausgeworfen. Ich wohne jetzt im Hotel. Tommasow hat auch schon den Rappel gekriegt und ist abgehauen, nach Stockholm glaube ich. Vielleicht folge ich ihm nach. Wie läuft es mit Deinem Buch? Wann sehen wir uns? Und wo? Dein Bruder – in Öde – Ilja K. 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Die »Deutschland« – ein Spielzeugautomobil)
    Mein lieber Ilja! Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass das Buch bis Juni beim Drucker ist und wir unsere gemeinsame Reise antreten können. Olle Oelfke, diese bourgeoise Ausgeburt der süßen Ingrid, machte neulich etwas Trara und meinte, es sei ihm ein bisschen viel, meine Post nach Tanger zurückzuschicken. Oder vor? Trotzdem, handwerklich ist der Mann ein Genie. Aus meinen alten Manschettenknöpfen und einem Toaster hat er die »Deutschland« (siehe Foto) gebaut. Und: Sie fährt! Es müsste also klappen, haha. Tja. Tja, die Frauen. Aber es kann ja nun jeder von Natur aus Neger sein. Küsse von – Wie immer, Bob.

Bemerkung: Hier über- bzw. untertreibt Bob Karassow. Zum Bau der »Deutschland« habe ich keineswegs einen Toaster benutzt, sondern einzig und allein die Manschettenknöpfe Ilja Karassows. Dass ich ein handwerkliches Genie sei hingegen ist eine böse Untertreibung. Im Übrigen liegt Bob Karassow in dieser Karte völlig schief, und das hat er seiner Schwerhörigkeit zu verdanken. Meine Mutter z. B. heißt nicht Ingrid, sondern Inge. 

  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Junger Mann mit Rehlein, verwundet)
    Jaja, Bob, keine Vorwürfe, ich bin abgehauen. Seit der Sache mit der Schauspielerin verweigert Rosanna mir den Eintritt in die Wohnung (die zu allem Unglück ihre ist); den Job an der Akademie, der mir eh zum Halse raushing, habe ich ebenfalls aufgegeben, und diese Stadt ist mir ohnehin viel zu heiß. Ich verstehe nicht, wie Du es da unten aushältst und auch noch denken und arbeiten kannst. Ich jedenfalls werde erstmal Mama in St. Petersburg besuchen, sie schimpft so über uns Kinder! Wie geht es Jolassa? Und wann fahren wir endlich – ins Weite? Du weißt – ich bin jetzt frei! Das heißt: fast. Ich weiß noch nicht, was aus dem Angebot wird, das mir Tommasow gemacht hat. Er ist jetzt in Stockholm und brütet dort etwas aus. Braucht unbedingt meine Hilfe. Verspricht wahnsinnig viel Geld. Naja, Du kennst ihn ja. Erstmal Arrivederci, Dein Ilja.
    P.S.: Übrigens Gruß an ollen Oelfke, haha.
  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Sergei Burylin, »Fabric with Emblem and Ear«)
    Lieber Bob! Mutter hat noch immer die alten Tapeten an den Wänden, Hammer und Sichel auf jedem Quadratzentimeter, aber trotzdem: Die Zeit ist auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Um zu überleben, vermietet sie unsere beiden Zimmer an devisenwedelnde Touristen. Ja, ich musste in der Küche schlafen… Das Schlimmste aber ist ihre Nörgelei, besonders Dich hat sie im Visier: Du schreibst nie, Du schickst Deiner armen alten Mutter keine Dollar, Du treibst Dich rum, usw., usw. Von mir glaubt sie, ich würde immer noch in Rom der ordentlichen Tätigkeit eines Akademielehrers nachgehen, naja, man muss auch Schweigen können. Unser altes Leningrad würdest Du wiedererkennen, es hat sich nämlich wenig verändert, auch wenn es jetzt Petersburg heißt. Also, Bruderherz, erst einmal Nastrowje und bis bald, Dein Dr. Ilja.
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Comic »Raucher haben die besseren Mösen im Kopf, dachte Keppler«)
    Mensch, Ilja! Es geht alles drunter und drüber. Du sollst Hammer und Sichel ähren, Mutter solltest Du grüßen und ihr endlich die verdienten Dollar bringen. Aber auf dem Weg zur neuen Ausstellung des Reichsschamhaarmalers Franz Keppler (besser bekannt als der Mösenmaler von Mölln) ist mir meine Notenbündel-Tasche gestohlen worden. Jetzt bin ich dem Dieb auf den Fersen, meine Verse und die Aufzeichnungen zur »Erfindung« sind nämlich auch drin. Die Reise könnte sich verschieben. Lass Dir nichts von Tommasow erzählen. Dem Blutsauger. Von Jolassa seit Tagen keine Spur. Könntest Du nach Tanger kommen? Wie immer – Bob.

Bemerkung: Von den Versen Bob Karassows ist nur noch ein einziger bekannt:
Sie stand da in der Tür/ ich konnte nichts dafür/ ʼnen Lappen in der Hand/ hinter ihr war ʼne Wand/ sie war ganz warm und weich/ ich erkannte sie gleich 

  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Edward Hopper, »Nighthawks«, erste Karte)
    Mein lieber Ilja! Ich muss zugeben, dass ich mich in einer sehr depressiven Stimmung befinde… Die Tasche ist nach wie vor verschwunden, keine Nachricht von Dir, von den letzten paar Piepen habe ich mir einen Humpen Tequila (den trinkt man hier mit Salz) gekauft. Meine ganze schöne Arbeit, dahin. Mutter sauer auf mich. Und in Deutschland kassiert dieser Tankwart einen Oskar! Eine ungerechte Welt! Trotzdem hoffe ich, es geht Dir besser?! Höchste Zeit, dass ich aus Tanger verschwinde. Die »Deutschland« ist getankt, nichts hält mich mehr. Licht aus – Womm. Spot an – Jaa. Haha. Wie immer – Bobby.

Bemerkung: Hier irrt Bob Karassow. Den Oscar erhielt nämlich kein anderer als Pepe Danquart, kein Tankwart. Wieder einmal hatte er sich verhört. Die Anspielung auf Ilja Richters »Disco« legt den Verdacht nahe, dass hier der Grund für seine Schwerhörigkeit zu suchen ist.

  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Blonde Venus)
    Ein paar rasche Zeilen, die ich meiner Sekretärin in die Federn diktiere (Sie heißt Betzy und spricht nur Schwedisch und ein bisschen Schwäbisch. Und sie hat zarte weiße Haut, wie Du auf dem Foto sehen kannst), bevor ich mich in den Flieger nach London setze. Ja, Du hattest recht, Tommasow und seine windschiefen Angebote: Der Kerl war pleite und erzählte mir groß was von einem epochalen Experimentalfilm, der garantiert unaufführbar sei und für den er ca. 33 1/3 Millionen Dollar bräuchte. Das Beste, was mir hier in Stockholm passierte, war Betzy, sie ist ganz entzückend, ich werde sie Dir vorstellen, wenn ich einmal nach Tango-Tanga-Tanger komme. Ja – und was ist das für eine Geschichte mit Deinem Taschendiebstahl? Alle Arbeit umsonst? Erst einmal »Kopf hoch«, Dein Ilja. 
  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: »Beauty of Britain and a Triumph«)
    O Bob my Bob! Ich sitze fest. In England. Auf dem Klo. Help! Yeah! Ilja! 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Edward Hopper, »Nighthawks«, zweite Karte)
    Hey Ilja! Wie schnell sich doch die Dinge ändern können! Eben noch sitzt man mürbe bei seiner Spirituose, und ein paar Stunden später ist man ein Stück nach links gerückt und fühlt sich wie ein König! Naja, Du ahnst es, es ist eine Frau im Spiel. Aber ernsthaft – ich bin verliebt! Sie heißt Baguette, lacht gern, spricht viel Französisch und macht es auch ein bisschen. London? Fehlt nur noch Paris, mein Freund. Was wird nun aus unserer Reise? Übrigens habe ich ständig das Gefühl, Jolassa sei in meiner Nähe. Seltsam. Ich schreibe bald wieder. Bob.

Bemerkung: Die Schreibfaulheit Bob Karassows erreicht hier ihren Höhepunkt. Ein weiterer Vers, der von ihm bekannt ist, besagt:
Sie stand da in der Tür/ gelehnt an eine Wand/ ich konnte da nichts für/ le mur

  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: BH-Frauen)
    Bob, Bruderherz, ich teile Deinen Schmerz rechterhand, und ich gratuliere Dir zu Deinem Glück linkerhand. Lange hattest Du Arbeit, Arbeit, nichts als Arbeit, und keine Frau an Deiner Seite, nun hast Du eine Frau, aber die Arbeit ist futsch. Was hält Dich noch in Afrika? Womöglich ein Weißbrot? Dann nimm es an die Hand und besuche mich in Engelland, wo es mir gar nicht gut geht. Mein Darm ist leer (es war wohl, so vermuten Ärzte, der Hirnschwamm einer nordirischen Kuh, der mir nicht bekam, und so bin auch ich ein Opfer der Politik geworden, was ich, wie Du weißt, mein Lebtag zu vermeiden versucht habe), und die böse Betzy machte sich auf und davon mit meinen Notgroschen und vergnügt sich nun in den Boutiquen Boliviens. Jaja, ein ständiges Gehen, und ich sterbe so ins Klo hinein. Ich liege in einem Hospiz für extraordinäre Karmeliterinnen in der Nähe von London und empfange allnächtlich die Sakramente von drei Betschwestern, die sich freundlicherweise in landesüblicher Tracht fotografieren ließen. Ja, Schönheit, der einzige Trost, und die Hoffnung Dich noch einmal zu sehen, Dein Ilja. 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Ein weiblicher Hintern)
    Halte durch, mein gutes Bruderherz! Schwer betrübt, Dich so am Arsch zu sehen, eile ich, meine letzten Geschäfte in Tanger zu verrichten. Keppler (Du erinnerst Dich, der Mösenmaler aus Mölln) hat mir seine neuesten Arbeiten anvertraut, weil er es nicht wagt, seine Identität preiszugeben. Naja, die Gelegenheit war günstig, denn ich soll die Dinger in Paris an einen Galeristen verklappen, und Baguette hat ihre Büstenhalter am Montmartre vergessen. So verklappt man eine Fliege mit der anderen, und dann sind wir auch schon auf dem Weg, Dich von der Schüssel zu ziehen. Baguette ist schon sehr neugierig, Dich kennenzulernen, und auch auf Deine schöne große Wohnung ist sie gespannt. Man weiß ja nie. Sie schwärmt sehr für London und von mir, und sie hat nur eine kleine Wohnung wie ich. Das mit der Politik habe ich nicht verstanden. Hirnschwamm? Klingt ja entsetzlich. Auf bald, Dein Bob.

Bemerkung: Das erste berühmte Opfer des Rinderwahnsinns war übrigens der österreichische Formel-1-Rennfahrer Jochen Rindt, der fürderhin einen schrecklichen Unfall erlitt und nicht mehr am Nürburgring gesehen wurde. 

  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Das entkleidete Monster)
    Ja, mein lieber Bob, auch wir waren einst im heimischen Russland kleine dicke Kinder, und erinnerst Du Dich noch an die glückliche Zeit, als Mama unsere geblähten Bäuche walkte und uns »Fette schwule Heiden« schimpfte, wenn sie uns bei unserem Spiel erwischte – unser Spiel: die kleinen Trauben flogen uns nur so an die kleinen Hoden. Dagegen solltest Du mich jetzt sehen: ein Gerippe! Die Krankheit ist, so scheint es, ausgestanden, aber Unglück hat sein eigenes Leben. Kaum konnte ich wieder halbwegs stehen und meinen 3-fachen Flic-Flac trainieren, verabschiedeten mich die Karmeliterinnen mit Fußtritten! Schwach, ausgemergelt, ein entkleidetes Monster, so stand ich an einer englischen Landstraße und streckte den Daumen in die Damen, da hielt plötzlich ein silberner Rolls-Royce. Und nun rate, wer darin saß! Richtig! Tommasow! Mit einer fetten Havanna im Goldzahn! Und wer saß neben ihm, mit Geschmeide reich behangen? Meine böse Betzy! O Bob, ich ahne eine furchtbare Intrige, doch noch weiß ich nicht genug. Es hat aber, befürchte ich, etwas mit Deinem gestohlenen Werk zu tun: Beim Aufräumen fand ich Deine Notenbündel-Tasche… Beim Aufräumen? O ja, Bruderherz, ich bin mittellos und so in ihrer Hand, was sollte ich tun, ich arbeite nun als Butler bei Tommasow und Betzy… Ich schäme mich. Hilf mir! Befreie mich! Ilja. P.S.: Sie nennen mich Edgar!!! 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Oktoberfest Blumenau)
    Mein lieber Edgar, äh Ilja! Ich schreibe jetzt besonders langsam, weil ich weiß, dass Du nicht so schnell lesen kannst, wie sich die Dinge entwickeln. Zuletzt wollte Keppler unbedingt mit nach Paris, jetzt sind wir zu dritt unterwegs, und er verdirbt die ganze Reisestimmung, weil er unentwegt von Mösen spricht. Mösen, Mösen, Mösen, man kann an gar nichts anderes mehr denken. Baguette meinte auch schon: »Der hat doch ʼne Möse!« Symptomatisch. Aber was viel schlimmer ist: Auch mir ist Baguette scheinbar Möse. Mist, Du siehst? Böse, meine ich. Irgendetwas ist hier oberfaul. Die »Deutschland« hat uns geradewegs nach Blumenau gefahren, das Weißbrot macht mysteriöse Bemerkungen, Oje Yono Oko Lassa oder so ähnlich, und Du ahnst zu allem Überfluss auch noch einen Getriebeschaden voraus! Außerdem werden wir von einem Mercedes verfolgt – ja, er ist silbern. Wie immer – Bob 
  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Die Eingangstür zu Tommasows Arbeitsräumen)
    Bob, das Leben ist schön, die Welt ist schlecht, wie Du zu sagen pflegst; was das Zweite betrifft, da kann ich ein Liedchen von singen, denn es wird ernst, die Schlinge zieht sich zu, pass auf und trau niemandem mehr! Bitteres kann und muss ich vermelden. Bitter genug ist es, dem aufgedunsenen Tommasow und der bösen Betzy ihre Unterwäsche zu waschen; bitterer ist es, was ich dabei alles finde. Zum Beispiel jenen Brief aus Bitterfeld, an Tommasow adressiert, von Jolassa geschrieben, in dem er um die versprochenen Silberlinge bittet, als Lohn für getane Arbeit bezüglich der Entwendung Deiner Schriften und Zuführung eben jener in Tommasows Würstchenfinger. Ja, Jolassa, auch er ein Schurke. Doch es kommt noch bitterlicher! Wenn Du das nächste Mal Deine Zunge in Dein geliebtes Weißbrot schiebst, denke an die Worte der bösen Betzy, die ich beim Staubwischen aufschnappte. »Wieviel kriegt eigentlich die Kleine von Jolassa für ihre Arbeit?«, fragte sie Tommasow. Und fügte hinzu: »Wie hieß sie noch? Croissant? Baiser? Raclette?« Aber Tommasow merkte, dass ich lauschte, und schwieg. Lieber Bruder, das Unheil hat sich uns ausgesucht, es ist schon fast zu spät, auf der Hut zu sein. Kannst Du Keppler trauen? Können wir überhaupt dem ollen Oelfke und der Nulpe Neuwöhner unsere Korrespondenz anvertrauen? Alles seltsam. Doch das Dringendste zum Schluss am gedrängtesten: Fahre nicht nach London! Biege nach rechts ab, denn morgen werde ich nach Russland verschleppt! Genug, ich muss jetzt das Abendessen servieren und packen. Hoffnungslos: Edgar… äh… Ilja.
    Das Foto zeigt die Tür zu Tommasows Arbeitsgemächern. Schlimm, aber vielleicht doch nicht hoffnungslos. Hier schlug mir T. den Fotoapparat aus der Hand, als ich heimlich entlarvende Dokumente ablichten wollte. 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: Die Sado-Maso-Mutter Kepplers)
    Lieber Ilja! Ich kann Dir dieses Mal nur in gedämpfter Zunge schreiben, also spitze die Ohren, was ich Dir flüstern muss. Deine letzte Karte hat mich schmerzlich getroffen. Gerade war ich wieder einmal in Baguette verknotet, meinen Lecklappen tief in ihre Lunge geschoben (Passiv-Raucher, aufgemerkt!), als ich von ihrem Kompott hören musste, nein, es heißt natürlich Komplott, aua, aber meine Zunge, weh, sie hat sehr gelitten! Am liebsten verschlösse ich meine Lauschlappen vor dem, was Du so alles beim Aufwischen aufschnappst, aber leider: Auch ich habe schlechte Nachricht für Dich. Nachdem ich meine Zunge nun nirgendwohin mehr hineinstecken kann, habe ich meine Nase genommen, und nun rate, was ich da sah! Kepplers Gepäck besteht praktisch ausschließlich aus Stöcken, Abführmitteln und Holmen. Und sein neues Werk, naja, Du siehst es ja selbst. Unsere Sado-Maso-Mutter, mit einem Stöckchen im Maul! Ich werde von nun an also vorsichtig sein. Sie haben mich gefesselt und geknebelt und gesagt, dass ich dem silbernen Benz folgen soll. Das In-Feuerzeug sei leer, haben sie gesagt. Ha! Die halten uns für blöd. Halte aus – Bobby. 
  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: Ilja unter Lachgaseinwirkung)
    Bob? Bob? Kannst Du mich hören? Sehen? Lesen? Jaja, ich bin‘s, Ilja! Mit diesen Handschuhen wird es Stunden dauern, bis ich die Karte geschrieben habe, und wie ich es fertigbringen werde, sie zum Postamt zu bringen, weiß ich auch noch nicht. Man soll nie sagen, es könne nicht noch schlimmer kommen: es kann. Kaum waren wir in Petersburg angekommen, wurde ich von Betzy + Tommasow als Butler entlassen, an einen geheimen Ort verbracht (ich vermute ein ehemaliges militärisches Sperrzentrum), dort ausgekleidet und in dieser Rüstung verpackt. Seit Tagen stehe ich hier im Raum und werde durch einen Schlauch mit Sauerstoff, manchmal aber auch mit seltsamen Gasen beatmet. Es ist nun klar und so­ viel weiß ich: Wir beide sollen aus dem Verkehr gezogen werden. Es soll irgendwas mit Stalins verschollenem Schatz (seine unterschlagenen Parteimitglieds-Beiträge), einer Kurtisane von Chruschtschow, deren zwei Söhnen und unserer Mutter zu tun haben. Na, nun zähl‘ 37 und 68 zusammen! Ich muss schnell machen, denn HAHA das Gas kommt HA wieder HAHA also: unser wirklicher Vater HAHAHA war Nikita HAHA und der alte Karassow HAHAHAHA hieß früher HAHAHA Tommasow HAHA jaja HAHA wir haben HA einen Halbbruder HAHA das Gas HAHAHA er wird HAHA immer HAHA schlimmer HAHA-HAHAHAHAHA… 
  1. Karte (Bob Karassow, Abb.: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«)
    Mein lieber Bruder Ilja! Erinnerst Du Dich noch an den Tag, als uns unsere Mutter, wir waren, glaube ich, vier oder fünf (und insgesamt etwa 105), diese Zungen im Mund einnähte und uns beschwor, darüber bis zum Lebensende Stillschweigen zu bewahren? Und was haben wir gemacht? Unsere Verwandtschaftsverhältnisse haben mich schon immer ein wenig verwirrt, aber jetzt blicke ich schon gar nicht mehr durch. Obgleich mich nichts mehr wundert. Nicht einmal den Anvertrauten darf man noch trauen. Wir haben die »Deutschland« schon lange verlassen. Jolassa (ach, das wusstest Du noch gar nicht? Jolassa, der Fahrer des silbernen Blitzes, der mich schon seit Tagen verfolgte, ist unser leiblicher Neffe), Baguette und Keppler haben mich gemeinsam im Benzintank des Mercedes versteckt. Aber: Wenn man mich aus dem Verkehr zieht, dann nur über meine eigene Leiche! Die sollen nichts zum Kichern haben! Wenn ich doch nur meine Streichhölzer finden könnte. Ach! Ich schätze, wir sehen uns bald. Hüte deine Zunge – Bob. 
  1. Karte (Ilja Karassow, Abb.: »Wer keine Postkarten schreibt, den bestraft das Leben«)
    Lieber Bruder Bob! Es ist schön hier, schön, wirklich schön, sehr schön ist es hier, wirklich. Die Luft ist blau, das Wasser grün, die Sonne gelb, die Menschen braun, die Haare schwarz, der Schweiß ist nass. Das Hotel ist sauber, auch die Leute sind sehr sauber, die Huren sind außergewöhnlich sauber, und das Geld ist ganz bestimmt sauber. Man kann hier sehr gut essen, was kann man hier gut essen, Mann! Dass das Flair hier stimmt, stimmt. Ich trinke gern Cuba Libre hier, denn das schmeckt.
    Es war ganz ordentlich tapfer von Dir, den silbernen Benz samt Jolassa, Keppler und Brikett in graue Asche zu verwandeln, just in dem Moment, als Tommasow, Betzy und Mama mir die geheime zweite Zunge herausschneiden wollten, um den dort verborgenen Hinweis auf das Versteck des Stalin-Schatzes zu bergen. Mann, gab das einen Knall! Gut gemacht, Bruderherz! War es nicht eine wunderschöne Kurve, die Mama in der Luft beschrieb, bevor sie auf die Erde klatschte? Und was da alles zum Vorschein kam, als Mama aufplatzte! Da steckte er, der Stalin-Schatz! Vollgestopft mit Diamanten und goldenen Orden war sie, die Arme, so nah an dem, was sie so heiß begehrte, und nun so tot und schlampig. Zum Glück gab es keinen Schurken mehr, der mir die Beute hätte streitig machen können. Schließlich steht uns der Mammon ja auch zu, oder? Nur eine Sorge quält mich hier im Paradies: Wo bist Du nach Deiner Heldentat geblieben? In der Hölle? Ich jedenfalls griff mir meine Beute (die Hälfte! nur die Hälfte!) und machte mich von dannen.
    Ich hoffe, Du bist nicht tot, das wäre, nach allem, was wir durchgestanden haben, dann doch zu ärgerlich. Oder? In Liebe, Ilja Chruschtschow.

Zuletzt ein Brief von Bob an Ilja Karassow:
Lieber Ilja. Es hat mich sehr gefreut, von Dir zu hören. Bitte verzeih, dass ich heute ganz ansichtslos bin und Dir einen Brief schreiben muss. Auch ich, das muss ich sagen, habe Glück gehabt und überlebt. Leider aber haben wir die Rechnung ohne die Milchgesichter Neuwöhner und Oelfke gemacht. Mein lieber Bruder, wie soll ich‘s Dir sagen? Ich soll Dich fragen, wo Du steckst. Auf Deiner letzten Karte hast Du keine Adresse hinterlassen, und die Herren stehen jetzt hier und wollen auch die bessere Hälfte der Karassows, sprich den ganzen Schatz. Ilja, den beiden ist alles zuzutrauen, nachdem was ich von ihnen weiß, alles ist denen zuzutrauen, sogar das Schlimmste, und wenn ich das Schlimmste sage, dann meine ich das Schlimmste, schlimm, wirklich schlimm. Bitte lass mich nicht im Stich – Autsch! Sie wollen, dass Du Dich auf der Stelle auf den Weg machst, auch wenn ich nicht weiß, wie das geht – Autsch! – und hierher kommst, die Diamanten sollst Du in kleinen und nicht nummerierten Nasen verstecken, die Orden mit extraordinären Karmeliterinnen tarnen. Mein lieber – Autsch! – Ilja, wirst Du das schaffen? Autsch! Du musst, hörst Du? Autsch! Nun, Du hast die Wahl, ich nicht. Errette mich, oder bleibe mobil, dann wirst Du auch nicht überfahren. Wie immer – Autsch!

Bemerkung:
Dieser letzte Brief von Bob an Ilja Karassow macht uns tief betroffen. Schon einige Male zuvor ist deutlich geworden, dass Bob Karassow einfach nicht bei der Wahrheit bleiben kann. Das wäre verzeihlich. Der Passus mit den Karmeliterinnen aber ist eindeutig ein Plagiat der Neuwöhnerschen Werke. Das prangern wir an.

Erstmals erschienen und zum Vortrag gebracht am 30. Juni 1994, Galerie Marsyas (Berlin)

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DER ROTE PULLOVER

Eines Tages, als der rote Pullover vom wöchentlichen Stretching kam, entdeck­te er, dass er wieder modern war. Er traf gleich mehrere seiner alten Kumpel auf der Straße, die alle gute Laune hatten, weil sie schon lange nicht mehr raus- und an die frische Luft gekommen waren, und auch jede Menge anderer roter Pullover, die er noch nicht kannte. Da schwante dem roten Pullover nichts Gutes. Das Mädchen nämlich, das ihn vor ein paar Jahren in einem Second-Hand-Shop in der vierten Welt geklaut hatte, war so ein richtiges Energiebündel in Sachen Integrität und außerdem total »old school«. Ein Diebstahl zum Bei­spiel kam für sie nicht in Frage. Sie würde ja auch keine Sachen essen, die ein Gesicht haben. Und sie würde erst recht keine Sachen tragen, die plötzlich wieder modern sind.

Das Schlimmste aber war, dass das Mädchen, das Flora mit Vornamen und Fauna mit Nachnamen hieß, ihn aus Geiz nicht bei einer Altkleider-Sammlung abgeben würde. Mist, dachte der rote Pullover, da war er nun endlich wieder einmal mo­dern und wurde nicht mehr blöde angestarrt, sondern be­staunt und gehätschelt, und er hatte das Pech einer miesepetrigen Weltverbesserin zu gehören, die ihn zweifellos hinter den schwedischen Gardinen ihrer Ikea-Kommode verbannen würde, um fortan ein Dirndl oder irgendwelche anderen Fetisch-Klamotten zu tragen. Dem roten Pull­over wurde so schummerig ums Herz, dass er zu Heulen begann. Die Tränen liefen in Sturzbächen an ihm hin­unter, was unglücklicherweise zur Folge hatte, dass er radikal einlief und Flora Fauna er­würgte. Gleich stand eine Menge von Schaulustigen um die beiden herum und berat­schlagte, was zu tun sei. Sie entschied, dass es zwar schade um die mode­bewusste junge Frau sei, dass man aber auch an sich denken müsse und fiel mit vereinten Kräften über das trendige Kleidungsstück her. Dabei wurde der rote Pullover versehentlich in mehrere Tausend Stücke zerteilt, und sogar Flora kam noch zu weiterem Schaden, weshalb die Geschichte an diesem Punkt ziemlich jäh abreißt.

DIE LETZTE (ÖSTERREICHISCHE) ZIGARETTE

Es ist schon spät und aussichtslos
erscheint des Wartens lange Müh‘
ich würde ja noch gerne, bloß
mein Wecker weckt mich schon des Früh.

Ich seufze – seufz – und will schon heim,
als eine Zigarette
fragt, ob ich nicht etwas Time
für sie und Feuer hätte.

Sie duftet so wie Tabak riecht
und trägt ein feines Paper-Shirt,
ist gertenschlank (woran mir liegt)
und lächelt keck: Für einen Flirt?

Ich zögere, ich könne nicht,
erzähle ihr von meinem Chef,
doch spür‘ ich schon, mein Herz, es bricht:
Was wenn ich sie nie wieder Treff?

Ich hab‘ schon manche Chance verpennt,
ich fleh‘ sie an: Lass es geschehn,
dass keine Macht der Welt uns Trend,
vom Präser einmal abgesehn.

Nicht hier, sagt sie, mich kratzt dein Bart,
ach sei so nett, rasiere dich.
Sie lächelt sanft, sie lächelt Smart,
und ich – wie dumm! – geniere mich.

So bin ich halt. Ich frage frech:
Wie wäre es in meinem Bett?
Sie lächelt zart: Nun red‘ kein‘ Blech,
ob ich denn sonst kein Hobby hätt‘?

Gesagt, getan, ich rauche froh
und trinke noch ein Achtel,
zum Abschied haucht sie: Da Capo,
doch da ist nur die Schachtel.

MISS STEAK

MISS STEAK

Ein Stück für Rump, Hack und Steak

Hack     : (ahmt das Geräusch eines Steaks in der Pfanne nach)
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Rump   : Willst Du was trinken?
Steak    : Was hast Du denn?
Rump   : Cola, Wasser, O-Saft…

Hack     : O-Saft! O-Saft! (ahmt das Geräusch einer Hip-Hop-Gruppe in
der Pfanne nach)
Rump   : Ich schiebe einen Gitterwagen durch die Gänge und frage,
was mir fehlt.
Hack     : Soviel weiß ich. Und so viel steht fest.
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Soviel weiß ich. Und so viel steht fest.
Steak    : (stöhnt) Oh, ja, tiefer!
Rump   : Davon kann ich ausgehen. Doch wovon soll ich ausgehen?
Soll ich Kondensmilch verkaufen?
(ahmt das Geräusch einer Hand auf der Kochplatte nach)
Hack     : Er mag wahrscheinlich den Kaffee nicht schwarz.
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Rump   : Er mag sich wahrscheinlich, weil es sonst niemand tut.
Steak    : Das interessiert mich.

Steak    : Hast Du keine Freundin?
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Steak    : Du hast schöne Augen.
Hack     : (pfeift eine hübsche Melodie)
Rump   : Machst Du‘s auch von hinten?
Hack     : Fragen, Fragen, immer Fragen.
Rump   : Kann heut‘ noch jemand kommen?
Steak    : (hustet) Brünett, 22. Konfektion 36. Sehr attraktiv.
Hack     : Ich ficke diese Frau.
Rump   : Ich habe Kondensmilch. Ich schiebe einen Gitterwagen
durch die Gänge und frage, was mir fehlt. Etwas vergesse
ich immer. Meistens Kondensmilch.
Steak    : Und wie alt bist Du?
Hack     : Damit das mal klar ist: Ich liebe die Frauen. Ich liebe ihren
Atem, ihren Gang, ihre Körper. Körper! Das sind Haut und
Fleisch und Knochen. Greifbare Körper. Und jede Frau sieht
anders aus! Jede hat ein anderes Geheimnis, einen anderen
Arsch. Die eine trinkt O-Saft, die andere nicht.
Steak    : Soll ich mich ausziehen?
Hack     : Nur nicht schüchtern, alter Junge. Du bist hier der Herr im
Haus – und ziehst jetzt deine Hosen aus.
Steak    : Malst Du?
Rump   : Ein bisschen.
Ich liebe die Frauen. Aber lieben Sie mich? Sie erzählen mir
ihre Geschichten, vielleicht. Sie wollen mir keinen Vorwurf
machen. Sie sind seit Wochen durch den Wind. Sie haben
sich, das glaubst Du nicht, total verliebt. Sie lassen sich
gerne was schenken. Sie müssen ihren »Home-Day«
machen.
Steak    : Fangen wir an?
Hack     : Spritz ab, alter Junge. Lass sie nicht so lange warten.
Steak    : Herzschrittmacher. (stöhnt)
Hack     : Hör doch auf, so zu stöhnen. Was spielst Du mir vor?
Steak    : Herzschrittmacher.
Hack     : Lass mich nicht hängen. Mach weiter. Mach weiter.
Steak    : Ich kann nicht mit jedem kommen. Das wäre auch gar nicht
normal.
Rump   : (stöhnt)

Rump   : Ich liebe die Frauen. Ich habe Kondensmilch. Ich werde
mich noch ruinieren.
Hack     : Och!
Steak    : Mit Fahrgeld 160.
Hack     : Das kostet, das Leben.
Rump   : Machst Du auch Fotos?
Steak    : Nein.
Rump   : Warum nicht?
Steak    : Ich mache das nicht.
Rump   : Machst Du auch Fotos?
Steak    : Das kommt auf den Preis an.
Rump   : Für mich ist das viel Geld, weißt Du.
Hack     : Was soll der Quatsch? Willst Du feilschen?
Rump   : Das Warten ist schrecklich.
Hack     : Gleich kommt sie, gleich kommt sie!
Rump   : Was hältst Du von Reizunterwäsche?
Hack     : Ich weiß nicht.
Sie riecht gut.
Rump   : Du riechst gut.
Steak    : Aber nicht auf den Mund.
Hack     : Sie wird Brüste haben und Schenkel und Haare. Augen und
Brüste und auch einen Arsch. Ich werde ihre Brüste kneten.
Ich werde ihre Brustwarzen  küssen. Ich werde sie kneten
und küssen.
Rump   : Ich habe Kaffeesahne.
Hack     : Der Wagen liegt gut in der Kurve.
Steak    : Soviel weiß ich. Und so viel steht fest. Das ist mein Werk.
Ich werde es Dir besorgen, mein Junge. Ich werde Dir was
stöhnen. Du bist gar nicht übel. Bisschen mager. Obenrum.
Du musst mal was Richtiges essen! Aber übel bist Du nicht.
Kein schlechter Hintern. Du hast schöne Augen.
Rump   : Nein, noch nicht oft.
Steak    : Können wir das mit dem Geld klären?

Hack     : Und jetzt kniet sie nieder.
Rump   : (stöhnt)
Steak    : Ich heirate bald. Nur so. Wegen der Papiere.
Hack     : (ahmt das Geräusch eines Steaks in der Pfanne nach)
Steak    : Ich hab‘ mir einen Hund gekauft. Willst Du mal sehen?
Rump   : Machst Du auch Fotos?
Steak    : Nein, so etwas mache ich nicht.
Hack     : Das kostet, das Leben. Doch es macht keinen Ärger.
Rump   : Ich liebe die Frauen. Ich schiebe einen Gitterwagen durch
die Gänge und frage, was mir fehlt.
Steak    : Ich bin schon zwei Jahre allein.
Rump   : Soviel weiß ich. Und so viel steht fest.
Steak    : Vor kurzem hatte ich einen Freund. Jetzt hab‘ ich wieder
angefangen. Er weiß nichts davon.
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Steak    : Ich habe »nein« gesagt. Ich mache, was ich will. Wenn ich
nicht arbeiten will, dann sag ich das auch. Manchmal geh
ich lieber tanzen. Oder trinken.

Rump   : Das ist eine Freundin.
Steak    : Und das?
Rump   : Eine andere Freundin.
Steak    : Hast Du ein Handtuch?

Hack     : Das Leben macht süchtig. Wenn man einmal damit anfängt,
kann man gar nicht mehr aufhören.
Steak    : Ich such‘ eine größere Wohnung.
Rump   : Du bist wirklich schön.
Hack     : Was für ein Hintern!
Steak    : Ach, Quatsch, ich bin hässlich.
Rump   : Ich liebe die Frauen. Doch lieben sie mich? Sie machen sich
schlecht. Sie machen sich alle zum Feind. Es prickelt ganz
einfach nicht mehr. Sie hoffen, dass wir es irgendwann
schaffen.
Steak    : Heiraten sollte man, find‘ ich, auf Zeit. Zwei Jahre, und dann
nochmal jucken.
Hack     : Was für ein Hintern!
Rump   : Sie meinen, es könnte Ihnen jetzt mal wieder was Gutes
passieren. Sie beschließen, vorsichtshalber vernünftig zu
sein. Ich wisse, sie schmissen mich hinterher raus.
Steak    : Vielleicht sieht man sich wieder?!
Rump   : Ja, vielleicht.
Hack     : Das kostet, das Leben.
Rump   : Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Rump   : Es riecht noch ein wenig. Und da ist ein Ohrring. Von ihr.
Den hat sie vergessen. Das Warten ist schrecklich.
Hallo?
Ja, ich hab ihn schon gefunden.
Steak    : Vielleicht bin ich ja mal in der Nähe.
Rump   : Geheimnis, tritt näher.

Rump   : So geht es nicht weiter. Ich werde mich noch ruinieren.
Hack     : (improvisiert einen fröhlichen Rhythmus)
Steak    : Das ist gut.
Rump   : Gefällt es Dir?
Steak    : Ich hab‘ Zahnweh.
Rump   : Ich zieh‘ mich schon mal aus.
Hack     : Die nehme ich immer bei Kopfschmerz.
Rump   : Und heute ganz in weiß?
Steak    : Ich komme in Frieden.
Rump   : Ich auch.
Steak    : Du hast kalte Hände.
Hack     : Das gibt sich.
Steak    : Du auch.
Rump   : Du hast kalte Füße.
Steak    : Ich hab‘ kalte Füße.
Rump   : Ich liebe die Frauen. Ich habe Kondensmilch.
Hack     : Die Flecken im Bett sind von mir.
Rump   : Willst Du was trinken?
Steak    : Was hast Du?
Rump   : Cola, Wasser, Saft…
Hack     : O-Saft.
Steak    : Ich nehme eine Cola.

zuerst erschienen in: Freie Zeit Art Nr. 8, Wien 1993; Wohnzimmer Nr. 8, Wien 1993

MAKROVISIONEN ODER: ZWEI SAHNETORTEN SUCHEN UNTER EINER FAHNE NACH WORTEN

Dunkel. Schlagartig Licht.
A (der Mann) und B (die Frau) sitzen nebeneinander, zentral.
Beide tragen Alltagskleidung und haben Weizenbiergläser,
die sie wie Feldstecher handhaben, vor Augen. A schaut starr
in den Zuschauerraum, B schaut bald hierhin, bald dorthin.

A: Es sieht schlecht aus.
B: (dreht sich zu A) Du siehst schlecht aus.

A dreht sich zu B, so dass sie sich jetzt, Weizenbierglas an
Weizenbierglas, gegenübersitzen. A und B, in sehr schnellem
Wechsel:

A: Ja, wer…
B: sind denn Sie?
A: Guten Tag!
B: Guten Tag!
A: Sehr angenehm!
B: Ich bin entzückt!
A: Ich werd‘ verrückt!
B: Das halte ich –
A: im Kopf –
B: nicht aus.
A: Ja, ei verbibscht!
B: Verflixt nochmal!
A: Dass es sowas –
B: heut noch gibt!
A: Und hundert Gramm –
B: vom Hahnenkamm.
A: Da ham –
B: wir ja –
A: wohl Glück –
B: gehabt!
A: Das Ego schweigt.
B: Die Spannung steigt.
A: Ich liebe Dich,
B: denn es genügt
A: nicht, wenn man sich
B: nur selbst betrügt.

A und B setzen sich Rücken an Rücken und nutzen die Gläser als
Fernrohr:

A: Ich glaube, wir sehen wohl beide das Gleiche.
B: Was siehst Du denn?
A: Eine glückliche Zukunft.
B: Für wen?
A: Für mich. Und Du?
B: Ich sehe ein kleines Problem.
A: Für wen?
B: Für Dich.

B tritt an den Bühnenrand vor und kauert sich, die Gläser nach unten
gerichtet, zu Boden. A stellt sich hinter sie und schaut in die Ferne:

A: Wo bist Du?
B: Am Boden.
A: Tatsache ist doch –
B: Die Wahrheit tut weh.
A: Das, was uns gut tut –
B: Ich sehe nur Schnee.
A: Ich bin nicht von gestern –
B: Scheiß Fernsehn! Ich geh.

A legt sich auf die Stühle, auf denen A und B zuerst gesessen haben.
B setzt sich auf ihn. Sie halten die Gläser wie ein Telefon und
sprechen durcheinander:

B: Ich habe mir heut‘ neue Schuhe gekauft. Und wie geht es Dir?
A: Das ist wahre Lebensfreude!
B: Ich habe mir heut‘ neue Schuhe gekauft. Und wie geht es Dir?
A: Das ist wahre Lebensfreude!

A stellt sich auf einen der beiden Stühle, das eine Glas wie ein
Mikrofon haltend. B sitzt unbeteiligt daneben:

A: Es waren mal zwei Königskind, das eine war vor Liebe blind, das
andre war geschwind, geschwind. Und gab gern Gas.
B: Hast Du auch Spaß?
A: Und es war Krieg und Republik, und eines fraß des andern Samen,
derweil sie nie zusammen –
B: Amen!

A und B sitzen wie zu Anfang nebeneinander:

B: Weißt Du, wenn zwei das Gleiche sehen, dann heißt das noch
lange nicht, dass sie beide –
A: gut aussehen.

A und B wenden sich zueinander, schauen sich an. Sie sprechen im
Chor:

A und B:
Ich hätte Dir gern –
in die Seele gebissen, –
leihst Du mir nochmal –
Dein Ohr?
Doch darauf ist jetzt wohl –
geschissen.
Schau zurück und –
sieh Dich vor.

zuerst erschienen in: Freie Zeit Art Nr. 5, Wien 1993

EIN HAAR IN DER SUPPE

„Nimm doch mal die Hand aus der Suppe. Das sieht ja widerwärtig aus, mit den dreckigen Fingernägeln und dem Ekzem! Wer soll denn das noch essen?“ – „Vorhin hast du noch gesagt, ich soll meine Hand in die Suppe legen, dafür leg‘ ich meine Hand in die Suppe, wenn‘s recht ist.“
„Na klar hab‘ ich das gesagt, aber gemeint hab‘ ich Mach mal das Fenster auf und nicht Lege die Hand in die Suppe.“ – „So, so.“
„Nimmst du sie jetzt raus, oder was?“ – „Ja, ich nehme jetzt die Hand aus der Suppe. Obacht.“ – „Und mach das Fenster auf.“ – „Warum soll ich das Fenster aufmachen?“ – „Du hast noch immer die Hand in der Suppe.“ – „Kuck mal, die Fingernägel sind schon fast sauber, und die Bläschen da, ich weiß nicht, vielleicht ist Suppe ja gut für mein Ekzem, was meinst du?“ – „Mach das Fenster endlich auf.“ – „Warum?“ – „Na, warum wohl?“ „Du gehst mir auf die Suppe.“ – „Klar, was denkst du denn?“ – „Ich nehme meine Hand nicht raus, wenn du springst.“ – „Nimm die Hand aus der Suppe.“ – „Nicht, wenn du springst.“ – „Ich soll nicht springen?“ – „Du kochst gute Suppe.“ – „Und du legst deine Finger rein.“ – „Entschuldigung. Ich nehme jetzt die Hand raus.“ – „Mach das Fenster weit auf.“ – „Die Suppe ist gut. Wirklich. Mein Ekzem ist schon fast weg.“ – „Du ekelst mich an.“ – „Na, dann spring doch.“ – „Ich soll durch die Scheibe sprin­gen?“ – „Ich nehme meine Hand nicht aus der Suppe, wenn du springst.“ – „Na schön, dann springe ich eben nicht. Los schon, mach das Fenster auf.“ – „Versprochen?“ – „Versprochen.“
„Das Fenster könnte man auch mal wieder putzen.“ – „Das kannst du ja dann machen.“ – „Stimmt, ich glaube, ich bin dran.“ – „Mir ist es wurscht, ob du es putzt, oder nicht.“
„Du springst doch, hab‘ ich Recht?“ – „Ja.“ – „Du machst wirklich gute Suppe. Und auch sonst. Du wirst mir fehlen.“ – „Danke.“ – „Gibst du mir noch das Rezept?“ – „Ich hab‘s auf­ge­schrieben.“ – „Prima.“ – „Und du? Was machst du noch so heute?“ – „Ich weiß noch nicht. Das Ekzem und so… Vielleicht spring ich auch.“ – „Ich hab Hunger.“ – „Es ist noch Suppe da.“ – „Essen wir gemeinsam?“ – „Gern, ich hol schon mal die Teller.“ – „Nimm die tiefen, aus der Vitrine.“ – „Okay.“ – „Zwei Kellen?“ – „Ja, erstmal zwei. Danke.“
„Schmeckt.“ – „Schmeckt wirklich gut.“ – „Danke.“ – „Das Fenster ist jetzt offen.“ – „Ja, danke.“ – „Du kannst jederzeit springen.“ – „Ich esse erst noch die Suppe.“ – „Logo.“ – „Da ist ein Haar in der Suppe.“ – „Tatsächlich.“ – „Kuck doch mal, wie lang das ist. Von mir ist das nicht.“ – „Von mir ist es auch nicht. Ein Haar in der Suppe, haha.“ – „Weißt du noch, in Salzburg, da hattest du auch immer deine Hand in der Suppe.“ – „Stimmt. Das war lustig.“ – „Lustig ist gut. Zum Totlachen war‘s. Einer nach dem anderen kam rein und sagte Seht mal, der hat ja seine Hand in der Suppe, und du hast die Kartoffelstücke rausgeschnippt und Kartoffeln mag ich nicht so gesagt, und dann haben alle ihre Hand in die Suppe gelegt und Kartoffeln rausgeschnippt…“ – „Wann springst du?“ – „Wenn ich fertig bin.“ – „In der Suppe sind keine Kartoffeln.“ – „Du magst ja auch keine.“ – „Nein.“

Eine Stadtmöwe setzte sich auf das Küchen-Fensterbrett der Wohngemeinschaft der beiden und schnitt ihr Gespräch auf einem Sony-DAT-Recorder mit, damit es der Nachwelt erhalten bliebe. DAT-Recorder waren zu dieser Zeit außerordentlich erschwinglich geworden, und die Stadtmöwe hatte sich einen alten Traum erfüllt, als sie sich das Gerät erschwang. Sehr dunkel, so etwa im Farbton eines seit sechs Jahren nicht geputzten Fensters, schwante ihr, dass sie ihr Leben eines Tages in einer Fahrbahn-Rinne, müden Auges und unappetitlich, beenden würde. Dann zog sie sich auf ihren Lieblingsplatz, den Schornstein des Hauses, zurück.

DER BESTE JOB DER WELT

DER BESTE JOB DER WELT

Klaus-Dieter ist Kraftfutter-Fahrer für »Power-Frau & Töchter«. Ein guter und sicherer Job, denn Power-Frauen wird es immer geben, und Kraftfutter werden sie auch immer brauchen. Klaus-Dieter ist glücklich. Er kriegt jetzt sogar die Milchtüten auf, auch wenn gerade keine Schere zur Hand ist, weil er immer mal wieder vom Kraftfutter nascht. Die an­deren Männer, die Klaus-Dieter kennt, sind alle völlig abgeschlafft, seit die Power-Frauen-Liga das Kraftfutter-Embargo über das schwache Ge­schlecht verhängt hat. Die Lage für die Männer ist ernst, aber Klaus-Dieter ist das schnuppe. Klaus-Dieter ist der Piephahn im Körbchen, the cock in the walk, auch wenn er das nicht sagen darf. Offiziell sind alle Kontakte zwischen Männern und Frauen verboten, aber Klaus-Dieter gehört nicht zu denen, die sich leicht bange machen lassen. Wollen doch mal sehen, ob sich heute nicht noch etwas aufreißen lässt, denkt Klaus-Dieter, und eine Milchtüte meint er damit bestimmt nicht.

„Hier Power-Frau & Töchter, Klaus-Dieter, kommen.“ „Hier Klaus-Dieter, was gibt‘s, kommen.“ „Wo steckst du denn, du hast schon zwei Stunden Verspätung, kommen.“ „Ein Polizeieinsatz auf der »Bär­bel-Bohley-«, ehemals »Nancy-Spungen-«, ehemals »Rosa-Luxemburg-Stra­ße« hat mich aufgehalten. Versuchter Mikroalgendiebstahl mit anschließender Liquidierung der ausschließlich männlichen Täter. Die Ware ist komplett, ich bin jetzt etwa bei Elle 23, kommen.“ „Überführung der Lieferung spätestens 18 Uhr 30, meinst du, du wirst das noch schaffen, kommen.“ Klaus Dieter überlegt. Tanken, das Girl von der Tanke flachlegen… „Ich mach so schnell ich kann, kommen.“ „Roger.“

Frau Power-Frau flucht. Sie will endlich Feiernacht machen. Da kommt Frau Power-Frau jr. ins Büro. „Kann ich jetzt Feiernacht machen?“ So hat Frau Power-Frau ihre Tochter noch niemals gesehen. „Wie siehst du denn aus? Wimperntusche? Lippenstift? Ist Männer-Kar­neval?“ Frau Power-Frau jr. wird rosa. „Mutti“, sagt sie, „ich habe da neulich jemanden kennengelernt, und da habe ich mich ein bisschen aufgedonnert, weil…“ Frau Power-Frau fällt ihr ins Wort. Wen soll ihre Tochter denn kennengelernt haben? Einen von diesen Waschlappen, die da draußen herumvegetieren, kann sie doch nicht meinen? Frau Power-Frau kennt überhaupt nur noch einen Mann, der nicht total durchhängt, und das ist ihr Klaus-Dieter. „Okay, mach Feiernacht. Aber donnere dich sofort wieder runter! Was du in deiner Freizeit machst, interessiert mich nicht. Aber hier im Büro kreuzt du nicht noch einmal so auf!“

Klaus-Dieter hat den besten Job der Welt. Er fährt auf die Tanke, kurbelt das Fenster herunter und ordert „Bitte einmal volltanken, bitte!“ Das Girl von der Tankstelle ist ihm schon das letzte Mal aufgefallen. Tank Girl. „Wo ist bei dir der Einfüllstutzen?“, fragt sie. „Das wollte ich dich auch schon fragen“, sabbert Klaus-Dieter. „Hey, hey, hey, ey“, quietscht Tank Girl begeistert, „du bist ja gar nicht so eine Lusche wie die anderen Jungs! Komm, wir gehen in die Waschanlage, ficken!“ „Okay“, sagt Klaus-Dieter, „aber vorher donnerst du dich noch ein biss­chen auf, okay?“ „Ey hey, hey ey! Den Terror mache ich nicht mit. Kommt ein guter Typ vorbei, soll ich mich für ihn aufdonnern, und dann soll ich mich gleich wieder runterdonnern, damit mich meine Chefin nicht erwischt, rauf und runter, rauf und runter…“ „Ich kann aber nicht mit runtergedonnerten Frauen“, mault Klaus-Dieter. Da hat Tank Girl aber schon den Stutzen des verdutzten Klaus-Dieter im Mund. Klaus-Dieter wird von Tank Girl vergewaltigt. Die Lage für Klaus-Dieter ist ernst. Kein Mensch wird ihm das glauben.

Als Tank Girl abgespritzt hat, schlurft Klaus-Dieter völlig abgeschlafft aus der Waschanlage. Jetzt ein bisschen Spirulina platensis, denkt er, sonst mach ich auch noch schlapp! Da bemerkt er, dass der La­ster geklaut ist. Mühsam schleppt er sich zur nächsten Telefonzelle. „Hier Power-Frau & Töchter, kommen.“ „Hier Klaus-Dieter, der Laster ist weg, kommen!“ „Du bist ja völlig außer Atem, was ist denn mit dir los, kommen.“ „Der Laster ist weg, hast du gehört, kommen!“ „Der La­ster ist weg, der Laster ist weg, glaubst du ich bin taub, oder was, kom­men.“ Klaus-Dieter stöhnt. Wenn er jetzt ohne Kraftfutter zu seiner Chefin muss, dann ist alles aus. Draußen pocht ein Typ gegen die Tür der Telefonzelle. „Hey ey, du Weichei. Jetzt mach mal die Biege. Papi will telefonieren!“ Das gibt es doch gar nicht, denkt Klaus-Dieter, auch wenn es ihm schwerfällt. Seinem Körper fehlen bereits mindestens 95 Prozent der Informa­tionen des Meeres, die in der Mikroalge stecken. Trotzdem ist ihm klar, dass der Typ da draußen von dem Kraftfutter genascht haben muss. Da fällt Klaus-Dieter die Notreserve Spirulina platensis ein, die er in einem Kondom in seinem Hintern versteckt hält. „Junge, hör auf, dir am Arsch herumzukratzen. Du hast deinen Posten missbraucht, nur um herumzuvö­geln. Wir beobachten dich bereits seit Wochen. Aber jetzt ist das Spiel vorbei, mein Freund. Wer sich nicht solidarisch zur »Hey-Guy« verhält, darf nicht mit Gnade rechnen.“ In diesem Moment zieht Frau Power-Frau jr. dem Typ eine Flasche »Fit for Fun« über den Schädel. Sie ist total in Klaus-Dieter verknallt. „Der Laster steht da unten, zwei Ecken wei­ter. Komm!“ Klaus-Dieter schluckt die Notreserve Spirulina. „Tank Girl hat mich vergewaltigt. Da hat mir die »Hey-Guy« den Laster geklaut!“ „Das werden wir rächen“, sagt Frau Power-Frau jr., schnappt sich den Typen und pumpt ihn mit Kraftfutter voll. Dann holt sie Tank Girl aus der Waschanlage, nimmt sie in den Schwitzkasten und malt sie wie einen Tuschkasten an. „Ey hey, hey ey, das kannst du mir doch nicht antun, Schwester“, jammert Tank Girl, aber es ist schon zu spät. Der Typ ist wieder zu Kräften gekommen, und als er Tank Girl so aufgedonnert sieht, fällt er natürlich sofort über sie her. „Jetzt rufen wir eine Politesse, und dann ist gut“, sagt Frau Power-Frau jr.

Klaus-Dieter ist glücklich. Er hat den besten Job der Welt. Er wird geliebt. Und wenn er Tank Girl in Zukunft aus dem Weg geht, wird ihm auch nicht noch einmal so eine Scheiße passieren. „Dufte auf­gedonnert biste“, sagt er. „Danke“, haucht Frau Power-Frau jr. und grinst. „Weißt du, was du bist?“ „Was denn“, will Klaus-Dieter wissen. „Du bist das letzte Arschloch der Welt.“ „Danke“, haucht Klaus-Dieter.

zuerst erschienen in: Salbader Nr. 17, Berlin 1996