Zucker für die Bestie

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde und ein Krimi mit einer Leiche. Der Fall Kaltenbach liegt anders. Vor neun Jahren wurde der Gynäkologe für schuldig befunden, drei Frauen aus sexuellen Motiven gefoltert und bestialisch ermordet zu haben. Pikanter Punkt des Schauprozesses: Es wurde nicht eine der Leichen gefunden. Szenenwechsel: Für ihre Hausarbeit im Fach Revisionsrecht will sich die Jurastudentin Tanja unbedingt mit eben diesem Fall beschäftigen. Sie nimmt Akteneinsicht beim Anwalt des Arztes, der auch heute noch mit Briefen seines Mandanten traktiert wird, die es ihm mit neuerlichen Hinweisen ermöglichen sollen, eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erreichen. Sie besucht den Inhaftierten im Gefängnis, der sie von seiner Unschuld zu überzeugen versucht und auf eine Fährte ansetzt.

Nicht von ungefähr erinnert der Plot an „Das Schweigen der Lämmer“. Auch die erste Begegnung zwischen Tanja und dem mutmaßlichen Frauenmörder atmet eine ganz ähnliche, morbide Stimmung – und es wäre tödlich, sehr viel mehr von der Handlung dieses Thrillers vorwegzunehmen, der den Vergleich mit dem genannten Vorbild sogar in puncto Spannung nicht zu fürchten braucht. Nur so viel sei geflüstert: Tanja, die in Wirklichkeit den Fall genau kennt und von der Schuld des Arztes überzeugt ist, verhilft ihm via Krankenhaus zur Flucht aus dem Gefängnis, um sich bei ihm für den Mord an ihrer Mutter zu rächen. Dass sich ihr süßer Racheplan in eine bittere Pille verwandelt, sei auch noch verraten. Sogar, dass alles mit einem Frauenmord endet. Der eigentliche Clou der Geschichte ist ein anderer. Drehbuchautor Matthias Seelig („Aufforderung zum Tanz“, „Der Schneemann“) und dem nicht nur von diversen Folgen des „Tatort“ bekannten Regisseur Markus Fischer ist ein beeindruckendes Spiel mit der Gewissheit gelungen, wie ungewiss die Wahrheit ist, ein Thriller im Schwebezustand sozusagen, dem es trotz seiner schnörkellosen und linearen Erzählweise zu jedem Zeitpunkt gelingt, vollkommen offen für den Fortgang zu bleiben. Schuld oder Unschuld, Himmel oder Hölle, Liebe oder Hass: Es gibt bis zum Schluss keine Klarheit in diesem psychologisch ausgefeilten Schuld-und-Sühne-Drama, dem Christiane Paul in der Rolle der Tanja, Matthias Habich als Dr. Kaltenbach und die ätherische Filmmusik von Irmin Schmidt (Can) eine ganz besondere Nervosität verleihen, die Licht und Kamera noch unterstützen. Viel düsterer geht’s nimmer, oder, wie Chefkriminologe Walter Serner sagen würde: „Trau, schau, niemandem!“

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Raus ins Leben

Schon seit ihrem vierten Lebensjahr unterrichtet Michael Berghoff seine musikalisch hochbegabte Tochter Klara auf der Geige, doch jetzt ist aus dem Mädchen eine junge Frau geworden, die zum ersten Mal richtig verliebt ist und ihr bisheriges Leben gründlich hinterfragt. Raus ins Leben ist ein gefälliger, zwischen Vater-und-Tochter-Konflikt, Teenagerporträt und Love-Story pendelnder TV-Unterhalter, der die Gesetzmäßigkeiten des Gefühlskarusells ganz genau kennt. Der wunderbare Matthias Habich in der Rolle des Vaters, gnadenloser Zuchtmeister und Feingeist in einem, gibt Straßenmusikern großzügig selbst in der Not, und zwischen den beiden Jungdarstellern Nadja Bobyleva und Florian David Fitz sprühen die Funken der Liebe derartig heftig, dass sich auch der Rezensent eine Träne des Glücks aus dem strahlenden Gesicht wischen musste. Eine Randnotiz: Den feschen Fitz kennt man u.a. aus den Filmen „Wahnsinnig verliebt“ (1999) und „Verdammt verliebt“ (2001).

Silberhochzeit

Alma und Ben sind seit einem Vierteljahrhundert ein Ehepaar und beschließen, diesen freudigen Anlass gemeinsam mit ihren Freunden zu feiern. Bei ausgesuchten Speisen und Getränken wird getratscht und gestichelt, bis sich die ganze Bagage als ein Haufen ausgemachter Arschlöcher und hoffnungsloser Egoisten erweist. Ausgehend von einer Kurzgeschichte von Elke Heidenreich, entwerfen Matti Geschonneck (Regie) und Daniel Nocke (Buch) in ihrem Kammerspiel Silberhochzeit ein Panoptikum der Eitelkeiten und Macken, die sich unter dem Einfluss hochprozentiger Drinks in boshaften Attacken entladen. Eigentlich ein spannendes Sujet, doch leider hält der Film schon das Stöbern in fremden Briefen für den Gipfel menschlicher Geschmacklosigkeiten und steuert vorhersehbar und trotz der prominenten Besetzung eher kraftlos auf die bezeichnend banale Schlussbemerkung „Glück ist Sonnenschein auf der Hoteltapete“ zu.