Warten ist der Tod

Alfred Hitchcock hätte dieser Film auch gut gefallen: Drei ehemalige Luftwaffenflieger, frühzeitig pensioniert, finden sich im bürgerlichen Leben nicht zurecht und benehmen sich überhaupt nicht zivil – gemeinsam mit einem angeheuerten „Profi“ überfallen sie die Kassenräume einer Flugschau. Doch nicht um diesen gelungenen Bruch geht es in dem ungemein spannenden, zweiteiligen Thriller. Der Blick des Drehbuchautors und Regisseurs Hartmut Schoen, bisher vor allem als Dokumentarist aufgefallen, gilt ganz den Charakteren: dem alles kontrollieren wollenden Venske, der sich zwischen Ehefrau und Geliebter zerreibt, seinen beiden „Kameraden“ Kellermann und Glöckler und dem kleinen Laux in Nöten, der die militärisch agierende Heldentruppe als gar nicht so gewiefter Gauner komplettiert. Schon der Überfall geht beinahe schief, aber das ist nichts im Vergleich dazu, was sich hinterher abspielt. Da einige des millionenschweren Gaunerquartetts keine Böcke mehr haben, sich von Zahnbelag zu ernähren (diesen Ausspruch verdanken wir Helen Vita, die hier in einer kleinen Nebenrolle ein exquisites Darstellerensemble mit ihrem bodenständigen Humor krönt) und nicht abwarten wollen, bis das verabredete halbe Jahr bis zur Verteilung der Beute vorbei ist, fliegen bald schon die Fetzen, dass die Nerven nur so sirren. Und dafür braucht Schoen keine effektvollen Tricks – ihm genügt das Psychogramm des Perfektionisten Venske (hervorragend: Ulrich Tukur), der an seinen eigenen Werten und Prinzipien scheitert, um Hochspannung zu erzeugen: Warten ist der Tod.

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Zuckerbrot

Der fromme Deutschrusse Mitja (Ivan Shvedoff, „England!“ u.a.) ist erst ein paar Tage an der Spree, da lernt er auch schon zwei kleinkriminelle Geschwister und echte Berliner Gören kennen. Jenny (Marie Zielcke), gerade aus dem Jugendgefängnis entlassen, und ihr Bruder Ricki (Florian Lukas) benutzen den zurückhaltenden und scheinbar ziemlich einfältigen jungen Mann, der auf einer U-Bahn-Station als Blumenverkäufer jobbt, als Zwischenstation für ihre krummen Geschäfte. Sie als Zuckerbrot, er als Peitsche, so will es die simple Verbrecherphilosophie des gelehrigen und strebsamen Ricki. Das es dann doch alles ganz anders kommt, dafür sorgt dieser stimmungsvoll fotografierte und bis in die Nebenrollen prächtig besetzte Film von Hartmut Schoen („Warten ist der Tod“ u.a.), der gekonnt zwischen Krimi, Familiendrama und märchenhaftem Liebesfilm oszilliert. Und wie Deutschrussen daheim ihre Hunde zu nennen pflegen, wissen wir jetzt auch: „Claudia Schiffer, sitz!“

Die Mauer – Berlin `61

Das so genannte Eventfernsehen hakt mit schöner Beharrlichkeit eine zentrale Station der deutschen Geschichte nach der anderen ab. Zum Nationalfeiertag der Deutschen Einheit, was läge näher, stand für die Filmproduktionsfirma teamworx die Wiedererrichtung des antifaschistischen Schutzwalls auf dem Programm. Dafür hat der bereits mehrfach mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Autor und Regisseur Hartmut Schoen eine relativ simple Story ersonnen: Die Ostberliner Familie Kuhlke, zur Stunde der Grenzschließung zu Besuch in Westberlin, wird von ihrem Sohn Paul (Frederick Lau) getrennt, der sich auf eine Rede zum Gedenken Ernst Thälmanns vorbereitet. Die Rückkehr in den Ostteil der Stadt ist den Eltern versperrt, weil sich Vater Hans Kuhlke zuvor beim Schmuggel von Altmetall erwischen ließ und polizeilich gesucht wird. Von den Offiziellen der DDR als „Rabeneltern“ diffamiert, sind die Versuche der Kuhlkes, den linientreuen Pionier Paul in den Westen zu holen, zum Scheitern verdammt.

Dass Heino Ferch in Die Mauer – Berlin `61 nach all seinen martialischen Heldenrollen einen einfachen Plastefuger aus Ostberlin spielt, der ob der Aussichtslosigkeit der Situation kapituliert, gehört noch zu den besseren Einfällen des Films. An seiner Seite glänzt Inka Friedrich als verzweifelte, aber kämpferische Mutter Katharina, die sich die Gunst ihres einzigen Westkontakts teuer erkaufen muss. Den wiederum spielt Axel Prahl: Erwin Sawatzke, einen aalglatten Möbelhändler und Emporkömmling, der die Not seiner Ostbekanntschaft brutal ausnutzt und dafür eine proletarische Tracht Prügel kassiert. Dem nuancierten Spiel der prominenten Besetzung aber steht leider eine eher plakative Zustandsbeschreibung der beiden deutschen Staaten entgegen, die sich vor allem auf Platituden beschränkt: hüben Bohnenkaffee, drüben selbst gemachter Kuchen. Mit starrem Blick auf den internationalen Markt produziert, ist ein wenig differenziertes Geschichts- und Familiendrama entstanden, dass überraschender Weise fast völlig auf das dramatische Potential des historischen Ereignisses verzichtet: Kein Volkspolizist  springt über Stacheldrahtzaun, kein Schuss fällt an der Grenze, und es gibt nicht einen einzigen Toten. Allerdings auch kein Happy End.