Racheengel – Stimme aus dem Dunkeln

In Weißkittelkreisen wird man diesen Thriller nicht diskutieren, untermauert er doch die weit verbreitete Ansicht, der wahre Irre sei der Seelenklempner. Mit Racheengel – Stimme aus dem Dunkeln ist Götz George im aufregenden Kosmos der Serienmörder gestrandet: als gescheiterte Koryphäe der Psychiatrie, die sich – inzwischen selbst ein Fall für Bonnies Ranch – zum Richter so „minderwertiger, abartiger Geschöpfe“ wie Sexualverbrecher aufschwingt. Besonderer Coup für den „Nervenkitzel am Freitag“: Neben „Schimanski“ mimt mit „Sperling“ Dieter Pfaff gleich noch ein zweiter Kriminaler einen manischen Mörder. Ein zugegebenermaßen spannender Anstalts-Thriller von Thorsten Näter, der neben seiner Starbesetzung allerdings auch ein Klischee nach dem anderen auffährt. Trost bietet da nur die vom Sender dankenswerter Weise beigefügte „Hintergrund-Information“: „Niemand kann unter Hypnose zu Handlungen überredet oder gar gezwungen werden, die er eigentlich ablehnt.“

Die Bubi-Scholz-Story

Dieser Mann will nach oben – und er schafft es. Auf der Sonnenseite des Lebens angelangt, befällt den Frauenschwarm vom Prenzlberg jedoch ein gehöriger Schatten. Bis zum Umfallen feiert er seinen Triumph und präsentiert sich auf zahllosen Promi-Parties als Erfinder des Cocktails „Rum-Reichen“. „Das ist Dostojewski“, bringt Götz George George die tragische Geschichte des Idols der Nachkriegszeit Gustav Scholz auf den Punkt. Dennoch wollte er die Rolle des alternden „Bubi“ ursprünglich nicht übernehmen – sie war ihm, wie der Berliner sagen würde – zu spack. Gut, dass ihn Regisseur Roland Suso Richter doch noch überreden konnte. Denn wie der Handwerker George sich diese Rolle erarbeitet hat, ist allemal knorke. Zum Beispiel, wie er wie ein wilder Stier und voll bis an die Kiemen die Leinwand mit Schlägen traktiert, um den Fight seines Lebens, den längst verlorenen Weltmeisterschaftskampf im Halbschwergewicht gegen Harold Johnson anno 1962, nachträglich doch noch für sich zu entscheiden. Oder wie er im Knast als „Opa Scholz“ beweist, dass er noch längst nicht zu alt ist, einen Möchtegern-Schulz (aus Frankfurt/Oder?) auf die Bretter zu schicken. Da nämlich ist der Herausforderer neese. Und das deutsche Fernsehen um eine mustergültige Produktion reicher.

Der Anwalt und sein Gast

Christian Weller rennt. Wirft den Kopf zur Seite, schließt die Augen, rennt und rennt blind ins Verderben. Doch wer ist dieser Christian Weller? Eines Tages paukt der erfolgsverwöhnte Anwalt und Familienvater, ein Mann, der größten Wert auf ein selbstbewusstes und bestimmtes Auftreten legt, den vermeintlichen Frauenmörder Frank Karmann aus der Untersuchungshaft frei. Ein weiteres Lorbeerblatt für eine beachtliche Karriere, die neugierig von einer jungen Frau von der Presse beäugt wird. Oder gilt ihr Interesse doch ihm? Und was, zum Teufel, treibt dieser Karmann plötzlich in seinem Leben – als ungebetener Hausfreund seiner scheinbar durchgedrehten Familie? Mit Der Anwalt und sein Gast ist Jörg v. Schlebrügge (Buch) und Torsten C. Fischer (Regie) ein fesselnder Psychothriller gelungen, in dem sich Heino Ferch als Weller und „Der Totmacher“ Götz George als der schlitzohrige Karmann ein intelligent und subtil gestaltetes Duell zwischen zwei Männern liefern, die vom Schicksal nicht gleichermaßen begünstigt wurden.

Familienkreise

Im letzten Jahr wurden Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke mit dem Adolf Grimme Preis für ihr Mutter-Tochter-Drama „Ende der Saison“ ausgezeichnet, und auch mit ihrem neuesten Film betreten sie wieder höchst komplexe Familienkreise. Darin beendet der erfolgreiche Auslandskorrespondent und Patriarch Raimund Parz, hervorragend interpretiert von Götz George, seine Karriere und kehrt nach Jahren der Abwesenheit zu seiner Familie in Deutschland zurück. Ein verzweifelter Anruf seines älteren Sohnes, der seit geraumer Zeit wieder bei der Mutter wohnt und nun aus dem Haus fliegen soll, kündigt diesen Umstand auch dessen Bruder, dem Verleger Christopher Parz an, der sich im Folgenden anschickt, schlichtend in die Situation einzugreifen – und kläglich scheitert. Ein ungewöhnlich sorgsam beobachteter und dabei zugleich unbeteiligt wirkender Film, der in Szenen von bisweilen schmerzender Belanglosigkeit Dinge zu Tage fördert, vor denen man sonst gerne die Augen schließt.

Blatt & Blüte – Die Erbschaft

Die ganze bucklige Verwandtschaft hat sich am offenen Sarg von Tante Agathe versammelt, doch die Testamentseröffnung gerät zur Farce. Von dem erwarteten Vermögen ist keine Spur, dafür hagelt es Sachpreise, versehen mit zynischen Kommentaren der sanft entschlafenen Dame. Und warum hat sie ausgerechnet den ehemaligen Reporter Vincent mit der Grabrede beauftragt und dessen einstige Gattin, die Floristin Victoria, mit einer wertvollen Standuhr und einem Gartengrundstück bedacht? Schon „Die Gottesanbeterin“ hat die Drehbuchautorin Susanne Freund Christiane Hörbiger auf den Leib geschrieben, mit Blatt & Blüte – Die Erbschaft legt sie ein weiteres Zeugnis ihres schwarzen Humors Wiener Prägung ab. Eine durchweg amüsante, altmodische Krimikomödie, die hektische Aktivität seitens aller Beteiligten entwickelt, und in der kein anderer als Götz George den Widerpart des verstoßenen Gatten Vincent spielt. Eine Fortsetzung ist offensichtlich schon geplant.