Auf schmalem Grat

Einen schweren Irrtum begehen Regisseur Erwin Keusch und Autor Hansjörg Thurn, wenn sie glauben, den Themen der Korruption, des Mobbing und der sexuell motivierten Gewalt am Arbeitsplatz mit einem Film beizukommen, der sich auf weite Strecken wie ein „Basic Instinct“ für Arme ausnimmt. So darf denn Ann-Kathrin Kramer in diesem Thriller nicht nur eine durchaus sympathische, burschikose Frauenfigur verkörpern, sie muss auch noch den leidenschaftlichen Sex auf Damentoiletten entdecken. Auf diese Weise bewegt sich der Film um eine Polizistin, die nach dem Selbstmord einer Kollegin auf deren Dienststelle nach Ursachen forscht, nicht nur Auf schmalem Grat, sondern auch auf gefährlichem Terrain. Der beklagenswerte und gerade erst in letzter Zeit viel in der Öffentlichkeit diskutierte Umstand, dass sich auch unter Polizisten echt virile Bullen befinden, sollte kein Anlass für einen voyeuristischen TV-Reißer sein, der auch noch, wie üblich, die Mitschuld der weiblichen Opfer behauptet.

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Im Netz der Lüge

Es ist doch zum Verrücktwerden. Da macht man eine Highsociety-Schickse nach der anderen glücklich, und dann wird man ausgerechnet wegen so einer Lappalie wie Kreditkartenbetrug von der Polizei hopsgenommen. Das jedenfalls denkt sich der charmante und gut aussehende Herzensbrecher und Hochstapler Heinz (Markus Knüfken) und lässt sich zwecks Haftverschonung den Jagdschein verpassen. Sogar die junge Nervenärztin Carola (Regula Grauwiller) wickelt der Schizophrenie simulierende Blender um den Finger. Doch einmal Im Netz der Lüge gefangen, treiben ihn die wahren Irren zunehmend in den Wahnsinn – während er in der Klapse zum Versuchskaninchen im Dienste der Wissenschaft wird, streift draußen ein strangulierender Serienmörder durchs Land und killt die Frauen, die sich in seinem stibitzten Notizbuch versammeln. Erwin Keusch hat hier routiniert ein Drehbuch von Wilfried Schwerin von Krosigk verwirklicht, einen Psychothriller für geistig Arme, der sich in einer überflüssigen amourösen Nebenhandlung verirrt und mit einem völlig an den Haaren herbeigezogenen Finale verärgert.

Todeslust

Notdürftig durch etwas Unterwäsche getarnt, schleicht sich Doreen Jacobi als gewiefte Undercover-Polizistin Vanessa in das Privatinstitut des Kamasutra-Lehrmeisters Josef Hecht ein, um dort den bestialischen Mord an dessen ehemaliger Frau und Geschäftspartnerin Monika aufzuklären. Wer nun ob des semantisch irreführend gewählten Titels Todeslust eine Unterrichtseinheit in suizidaler Nekrophilie oder dergleichen erwartet, liegt schief. Michael Keuschs des Öfteren in unfreiwillige Komik kippendes Mörderspiel zeugt einmal mehr von der Unbeholfenheit des Mediums Film gegenüber erotischen Stoffen – und mit indischer Liebeskunst hat es schon gar nichts zu schaffen.

Lilly unter den Linden

… ist eine sehenswerte Familientragödie von Erwin Keusch. 1988: Die 13-jährige Lilly ist vaterlos aufgewachsen und soll nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei einer Pflegefamilie untergebracht werden – doch Lilly will lieber zu Lena, ihrer Tante aus Jena, die sie kürzlich bei der Beerdigung ihrer an Krebs verstorbenen Mama kennenlernte, und flüchtet vor dem Zugriff der westlichen Behörden in den gar nicht so begeisterten Schoß der Familie im Osten. Eine ausgesprochen anrührend erzählte emotionale Geschichte, die kenntnisreich an die politisch-gesellschaftlichen Zustände im Deutschland des Kalten Krieges erinnert und bestechende Bilder für das archaische Thema Erbmasse findet. In einem bis in die Nebenrollen sehenswert besetzten Ensemble glänzen Suzanne von Borsody als Lena und die zur Entstehungszeit des Films erst 15-jährige Cornelia Gröschel, die ihre schwierige Rolle zwischen kindlicher Unbeschwertheit und tiefem Kummer mit Bravour meistert.