Durchboxen

Ach, Fernsehen ist ja eine so saubere Sache. Überall Seife, und die Hirnspüler sind ständig aktiv. Nun sieht sogar schon ein Grimme-Preisträger wie Heinrich Pachl in der „Docu-Soap die Rettung des Dokumentarischen durch Verseifung“. In vier mundgerecht geschnittenen Häppchen serviert Pachl uns, Videoclip-like, die verschwitzte Geschichte vier junger ausländischer Kids aus Köln-Kalk, die sich im wahrsten Sinne des Wortes Durchboxen. Besonders nah am Mann (bzw. der Frau) ist der Regisseur dabei allerdings nicht, und so erfährt man denn auch nicht viel mehr, als dass der Bestätigung im Ring die Frustrationen in der Schul- und Berufswelt entgegenstehen, durch die man sich nicht so leicht durchmogeln kann. Übernehmen Sie, Bruce Lee …

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Signale aus dem Dickicht

Schon vor langer Zeit befand Wolf Wondratschek: „Amokläufer mit Stadtplänen sind erlaubt“ – eine Erkenntnis, die sich gut auf Manfred Hulverscheidts einerseits streng geordneten, anderseits aber im Chaos der Eindrücke schwelgenden Film Signale aus dem Dickicht anwenden lässt. Die Idee hinter diesem „Dokumentarfilm“ genannten Experiment: Man nehme vier Megalopolen und ordne sie den vier Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter zu, sammle diesem Formwillen entsprechendes Material und schneide alles zu einem Strom von Bildern und Tönen zusammen. In Mexiko-City beginnt diese weltumspannende Reise, die uns später in die Region um Hongkong und nach London führt, um schließlich in Detroit-City ihr Ende zu finden. Dabei bietet Hulverscheidt dem Zuschauer die seltene Gelegenheit, selber auf Spurensuche zu gehen und wartet mit interessanten Beobachtungen zu Entstehung, Entwicklung und Genese von urbanen Strukturen auf. Unangenehm akademisch dagegen wird sein nur von sparsamen Kommentaren begleiteter Film, wenn er – auch noch unterstützt durch Pfeile oder künstlich gesetzte Zäune im Bild – die Austauschbarkeit der Städte beklagt.

Erschießt sie wie die Hunde!

„Sie sind eine Mischung aus Fuchs und Schwein“ – mit dieser Beschimpfung entzieht Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski, Autor der berühmten Theorie „Das Schuldbekenntnis ist die Königin der Beweise“, dem Parteitheoretiker Nikolai Bucharin das buchstäblich letzte Wort beim letzten der drei großen Schauprozesse in Moskau am 12. März 1938. Wenige Stunden nach der Urteilsverkündung, während Angehörige noch um Begnadigung bitten, werden Bucharin und die anderen Angeklagten erschossen. Die Umgangsformen sind rau im Russland am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Allein 1937/38 werden Hunderttausende von „Volksfeinden“ zum Tode verurteilt, Millionen verbannt. Die Gefangenen im Gulag erzählen sich folgenden Witz: Es sprechen zwei Häftlinge im Lager miteinander. Fragt der eine: „Wie viel hast du gekriegt?“ – „Fünf Jahre.“ – „Wofür?“ – „Für nichts.“ –„Unsinn! Lüge! Für nichts bekommt man zehn Jahre!“ Allein schon der Zweifel an der Schuld eines anderen stellt eine Straftat dar, und sogar Offiziere der Geheimpolizei begehen aus Angst vor einer Verhaftung vorsorglich Selbstmord. Denunziation ist Bürgerpflicht, die Verunsicherung der Bevölkerung total. Ebenso total wie der Machthunger Stalins – er will nicht nur einfach den Tod seiner Feinde, er will sie zuvor auch noch moralisch, politisch und ideologisch vernichten.

Für seinen Dokumentarfilm Erschießt sie wie die Hunde! befragte Heinrich Billstein erstmals Zeitzeugen der Moskauer Schauprozesse 1936 bis 1938. Begleitet von der „Symphonie in c-Moll, op. 43“ von Dimitri Schostakowitsch verfolgt der Film die kalte Systematik von Stalins Terror. Kapitel für Kapitel führt er in die Materie ein, fügt er sein Material zu einem Gesamtbild. Freunde und Hinterbliebene der Angeklagten der Schauprozesses – darunter der langjährige Vorsitzende der kommunistischen Internationale Grigori Sinowjew und der ehemalige Ministerpräsident Alexei Rykow – kommen ebenso zu Wort wie einstige Offiziere des NKWD, Redakteure der „Prawda“ berichten von ihrer propagandistischen Begleitmusik zu den Schauprozessen, und ehemalige Lagerinsassen erläutern, wie man von ihnen die absurdesten Schuldgeständnisse erzwang. Weshalb sich vor 60 Jahren Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger von dem Despoten täuschen ließen, vermag auch dieser Dokumentarfilm nicht zu erklären. Wohl aber, warum die alte Garde Lenins – der unsichtbare Hauptangeklagte der Prozesse Leo Trotzki wurde 1940 im Exil in Mexiko ermordet – keine Überlebenschance hatte: Leugneten sie die Anschuldigungen, „Agenten der Hitleraufklärung“ zu sein, hätten sie die Gerichtsverfahren als politische Schauprozesse entlarvt, und wären schuldig im Sinne Stalins gewesen – als Verräter am Sozialismus. Indem sie, als letzten Dienst für die Partei, ein Geständnis ablegten, um damit wenigsten ihrem Glauben an den Sozialismus treu zu bleiben, spielten sie mit im grotesken Schauspiel und willigten ein in die eigene Vernichtung. Die Partei hat immer Recht.

Kennewick Man

Nur wenigen Menschen dürfte es vergönnt sein, 9000 Jahre nach ihrem Tod für einen derartigen Wirbel zu sorgen, wie der Kennewick Man. 1996 am Ufer des Columbia River bei Kennewick im Staate Washington aufgefunden, beschäftigt sein Skelett bis heute die amerikanische Justiz. Der Hintergrund: Seit 25 Jahren kämpfen die Indianer der USA und Kanadas einen erbitterten Kampf gegen Museumskuratoren und Anthropologen, in dem sie die Herausgabe der Gebeine ihrer Urahnen fordern. So verständlich ihr Zorn über Grabplünderungen und andere Schandtaten in der Vergangenheit ist (1864 z.B. zogen Militärärzte der US-Kavallerie nach einem Überfall auf die Cheyenne über das Schlachtfeld und hackten den Toten die Köpfe ab, um ihre Schädel ans Army Medical Museum zu schicken), so berechtigt scheint das Interesse der Wissenschaftler an diesem überaus seltenen Fund, der offensichtlich keineswegs indianischen Ursprungs ist und Aufschluss über die Frühgeschichte Amerikas geben könnte. Mark Davis hat sich mit einer sehenswerten Dokumentation diesem politisch brisanten Stoff angenommen.