Gnadenlose Bräute

In eine ähnliche Richtung zielt Manfred Stelzers Krimidrama Gnadenlose Bräute, das seine beiden Hauptfiguren Fine und Luzzi von einer brenzligen Konstellation in die andere schickt. Wenn die glänzend aufgelegten Schauspielerinnen Stefanie Stappenbeck und Barbara Philipp an der Nordsee auf Mörderjagd gehen, fühlt man sich über weite Strecken an den trockenen Humor der frühen Filme von Detlev Buck erinnert – den Ko-Autoren Eckhard Theophil kennt der Cinephile von der Beziehungskomödie „Männerpension“.

Klassentreffen

Groß ist die Wiedersehensfreude nicht, als sich der Abiturienten-Jahrgang 1988 mit einem Erfahrungsvorsprung von 15 Jahren wieder in der Schulaula trifft. Mehr noch: Das von Tanja (Barbara Philipp) organisierte Klassentreffen entwickelt sich zu einem Desaster einer offenbar völlig fehlgeleiteten Generation. Eifersüchteleien vergiften das Klima, Tanja erzielt – trotz Zwillingen! – nicht die Anerkennung einer ehemaligen Lehrerin, und selbst der eigens aus Berlin angereiste Goldjunge Nick (Johann von Bülow) kann seine Jugendliebe Connie (Lisa Martinek) nicht zurückgewinnen. Eine formidable Darstellerriege in einem Film voller blasser und eindimensionaler Figuren, der mit seiner zyklischen Erzählweise offenbar höhere Weihen ansteuert, leider aber kläglich an Einfallslosigkeit scheitert. Die weiteren Hauptrollen dieser in einer Kleinstadt im Taunus angesiedelten Plattitüde spielen bezeichnender Weise ein Porsche, ein Mercedes SE und ein paar flotte Hits von Oasis, The Smiths und The Cure.

Liebesluder

Das Dorf doch nicht wahr sein – das scheinen die oberen Herren in einer kleinen Stadt im Hochsauerland zu denken, als sie eines Tages die junge Studentin Ina in ihrer gemütlich-spießigen Mitte begrüßen dürfen. Ina, die sich ihnen nicht nur als jung, sondern auch als burschikos-attraktiv, zudem als blond und, was natürlich das Wichtigste ist, als überaus willig-bereit präsentiert, beflügelt die Hobbyflieger aus Passion zu lange vergessenen, leidenschaftlichen Gedanken. Plötzlich bricht die Erotik in die mühsam errichtete Ordnung der Honoratioren, deren Eckpfeiler Heim, Haus und himmelschreiende Biederkeit sind.

Einer nach dem anderen machen sie sich an Ina heran: Der schmierige Möchtegern-Dandy und Banker Peter, kurz Nase genannt, macht den Anfang, gefolgt von dem simpler gestrickten Besitzer des Sägewerks Wagner (Bruno Cathomas), der ihn leider nicht hochbringt, sogar der verschüchterte Flugplatzleiter Karuso (Matthias Matschke) versucht sein Glück. Und alle dürfen sich in den allerschönsten Hoffnungen wiegen. Bis zu dem Zeitpunkt, da das gerissene Liebesluder ihren Verehrern eröffnet, dass sie guter Hoffnung sei – und jeder von ihnen ein potenzieller Erzeuger.

Eine verhängnisvolle Geschichte von Lebenslügen erzählt Detlev Buck in seinem neuesten Film, aber eine schwarze Komödie, wie es das Presseheft vorgibt, eigentlich nicht. Eine der wenigen wirklich komischen Szenen in dieser letztlich tragischen Farce hat die hier erstmals in einem Kinofilm agierende TV-Comedy-Fachfrau Anke Engelke, wenn sie das mickrige Bäumchen vor ihrem Häuschen beim Einparken platt macht – ein herrliches Gleichnis für die Kleingeistigkeit in der Provinz. Doch noch nicht einmal bei dieser Szene möchte man lachen. Viel zu bitter schmeckt die von Niedertracht, Engstirnigkeit, Hab-und Eifersucht gestörte Welt des säuberlich aneinander gereihten Fachwerks.

Waren speziell Bucks frühe Filme wie „Karniggels“ und „Hopnik“ von einer tiefen Liebe zum norddeutschen Flachland und seinen rätselhaften Kuhmördern, Bullen und Grenzern gezeichnet, sympathischen Verlierern, die auch Gewinner sein können, so ist sein Blick spätestens in der Öde des Hochsauerlands pessimistisch geworden. Mitgefühl hat man in „Liebesluder“ allenfalls mit einer Figur, und die spielt er bezeichnenderweise selbst. Wenn der mit dem allzu argwöhnischen Frauenzimmer Suse (bemerkenswert: Barbara Philipp als tobende Furie) gestrafte Wusch erfährt, dass er sich irrtümlich von seiner trotz allem geliebten Gattin befreit hat, dann kommt zum ersten und einzigen Mal so etwas wie ein echtes Gefühl auf in diesem Film, der ansonsten nur von Eigennutz handelt.

Dennoch fördert Detlev Buck in dieser mit lakonischem Witz erzählten, im Grundton aber düsteren Mixtur aus Landkrimi, Tragikomödie und spöttischer Charakterstudie heitere, erhellende Momente zu Tage. Etwa, wenn die traute Runde der Damen unbekümmert über das Eintuppern plaudert, während die Herren, deren Alimente-Rechner auf Hochtouren laufen, überlegen, ob sie mit Ina das machen sollen, was man auf dem Land eben mit jungen Katzen so tut. Etwas zu behäbig vielleicht, aber stringent entwickelt bricht sich ein böses Drama Bahn, das nicht die Herren ihr Nerven (ein Seitensprung kostet so viel wie ein Einfamilienhaus im Hochsauerland) und Wuschs Frau Suse das Leben kostet.

Nach seiner gänzlich missglückten Sozialklamotte „Liebe deine Nächste“ um zwei Soldatinnen Gottes, die einen herzensschlechten Rationalisator und Frauenheld Mores lehren, ist Detlev Buck zwar nicht seinem Anspruch, ein Markenzeichen für den deutschen Film zu sein, gerecht geworden, wie es das rot aufs gelbe Presseheft gestempelte „Jetzt wird’s ernst: Der neue Buck“ suggeriert – dafür aber ist er wieder ein gutes Stück jener Zeit näher, da man noch fieberhaft auf seinen nächsten Komödienstreich hoffte.