Gib dir die Kante

Wohin an diesen Tagen, denen eine rauschende Nacht folgen muss? Wenn sich die Erde immer langsamer dreht, und ihre Anziehungskraft dadurch so stark wird, dass deine Stirne mit Macht auf den Tisch schlägt? Wenn dich der Hafer sticht, wie Jean Gabin in „Ein Affe im Winter“, das Leben, die Liebe besungen sein muss, und du bereit bist, betrunken zu werden? Wenn die Freundin früh raus muss und Mutti schon schläft, dann bleibt nur das Ex ’n ‚Pop.

Gegenüber einer stadtbekannten Fruchtwein-Destille wartet es in einer kleinen Seitenstraße nahe den Yorckbrücken, die jeder Taxifahrer kennt, beharrlich deiner Kehle. Doch nippe man hier bitte nicht am Willy-Becher Selters, wenn man Akzeptanz erwartet, sondern kippe wenigstens Sekt. Hier betrachtet man Trinken als Sport, als Herausforderung, ganz sicher als Kunst, wahrscheinlich sogar als Hochleistungssport. Auf allen Hockern Lebenskünstler: lebenslustige Maler, lebende Legenden, verliebte Literaten. Jede Nacht eine neu zusammengewürfelte Clique, die fern der Unschuld nur ein Ziel kennt: Rausch ohne Reue. Wer hier Alkoholfreies ordert, wird geduldet, wenn er hübsch aussieht, bekommt auf seine O-Saft-Anfrage aber möglicherweise auch nur ein scherzhaftes „Warum?“ entgegengeschmettert. Ortsfremde, die es nach Gezapftem oder Weizenbier dürstet, werden knallhart vor zwei Alternativen gestellt: „Becks oder Jever?“ – „Einen O-Saft!“ – „Warum?“, „Ein Hefe!“ – „Becks oder Jever?“, so tönt es täglich. Die Sitten im Ex ’n‘ Pop sind rau. Dafür bekommt man aber auch so manches geboten, astronomische Rationen stimulierender Substanz und gastronomisch-architektonische Glanzleistungen wie die Kennenlern-Kante. Diese Stolperkante, im hinteren Teil des Schankraums gelegen, spielt in der dynamischen Erlebniswelt des Ex ’n‘ Pop eine hervorragende Rolle. Natürlich fungiert diese Kneipe (wie praktisch jeder Ort, an dem auch O-Saft ausgeschenkt wird) nicht nur als traditionelle Stätte künstlerischer Überraschungsauftritte und als Familientreff diverser Nachtgestalten, sondern zudem als hochprozentiges Kurzeheanbahnungsinstitut. Fühlt sich jemand einsam, so setze er sich an den ersten Platz am Ende des Tresens, warte ab und trinke Sekt. Irgendwann in der Nacht kommt ganz gewiss ein Weizenbiertrinker oder eine am Willy-Becher Selters nippende Schöne hereingeschneit, um sich nach einem langen Einkaufsbummel am Ku-Damm mit Ben Becker die Kante zu geben. Da er oder sie schon schwer beschwipst ist und die Räumlichkeiten nicht kennt, stolpert er oder sie über die Kennenlern-Kante hinein in unbekanntes Glück. Ein Becks fällt um, ein Jever wird bestellt. Dann wird es lustig. Dann wird es so richtig lustig. Dann wird es soo lustig, dass es schon wieder lustig ist. Und dann bestellt man einen Notarztwagen, denn schließlich muss man frisch sein für den nächsten Tag, die nächste Nacht im Ex ’n‘ Pop, (wo irgendein niederträchtiger Miesepeter folgende Mahnung auf dem Herrenklo hinterließ: „Paragraph 1: Stay in bed“).

Nachtrag: Diesen Text habe ich Ende der 90er Jahre für ein Sonderheft des Stadtmagazins TIP geschrieben. Es versteht sich von selbst, dass dieser Beitrag nur einen winzigen Bruchteil der kulturellen Aktivitäten dieses Traditions-Clubs widerspiegelt. Das Ex ’n‘ Pop gibt es bis heute, allerdings leicht verändert an anderer Stelle. Anfang dieses Jahrtausends ist der Club in die Räumlichkeiten des ehemaligen K.O.B. in der Hauptstr. 157 umgezogen.

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