Erster April

Es ist sein erster Urlaubstag des Jahres. Seit Wochen freut sich Scherz auf diesen Tag, den er ausgeschlafen, gut gelaunt beginnen will. Scherz schläft schon mehrere Stunden und alpträumt. Er träumt von einer riesigen Kugel, die aus großer Höhe heruntergerast kommt, direkt auf seinen Kopf zu, dann aber doch nur die Wand, die sein Zimmer vom Flur trennt, zertrümmert. Scherz er­wacht und fühlt sich zerschlagen. Mit der ihm eigenen Sachlichkeit stellt er fest, dass Schornsteinfeger nicht nur Glück bringen, sondern auch einen Hei­denlärm veranstalten können.

Von Kopfschmerzen geplagt und  unausgeschlafen schlurft Scherz missgelaunt in die Küche und kocht Kaffee. Seine Mit­bewohnerin fragt, ob er ins Bad will, Scherz sagt vorschnell: „Nö“. Nach der ersten Tasse Kaffee und einer Zigarette gibt es gleich zwei Bereiche, an denen sein Körper zu explodieren droht. Eine halbe Stunde später geht Scherz aufs Klo. Große Erleichterung.

Anschließend überlegt Scherz, ob er sich noch einmal hinlegen oder doch lieber mit dem Ur­laub beginnen soll. Aus der Wohnung über ihm dringt erst ein vernehmliches Klopfen, dann ohrenbetäubendes Krächzen. Der Parkettfußboden wird geschliffen. Sein Bruder ruft an und rät: „Geh doch mal raus bei dem Lärm.“ Sein Bruder hat wie immer Recht. Drau­ßen, 0°C, Schneegestöber. Scherz geht zum Schuster. Als er beim Schuster ankommt, stellt er fest, dass er nicht die Tüte mit den Schuhen, sondern die Tüte mit den Tüten zum Schuster gebracht hat. Der Schuster tröstet ihn: „Einmal hat hier jemand seinen Müll uff die Theke gestellt, die Schuhe hat er weggeschmissen.“ Scherz ist getröstet.

Auf dem Weg nach Hause fällt ihm der Begriff »Erobere-die-Welt-Bereich« ein. Der Begriff stammt aus einem Schaudiagramm über wünschenswerte städtische Infrastrukturen und bezeichnet eine kreisrunde, gefahrenfreie Aus­lauf-Zone fürs Kleinkind. Drei Fußminuten halten die Städteplaner für okay. Zehn Minuten braucht Scherz bis zum Schuster, und Scherz freut sich, dass er, wenn er bis zum Schuster geht, mehr als nur die Welt erobert. Scherz trägt die Tüten wieder nach Hause, die Schuhe zum Schuster. Der Papagei des Schusters sagt: „Guten Tag“. Toller Schuster. „Sie benutzen Lederfett“, sagt der Schu­ster, „dürfen Sie nicht machen. Da sind Lösungsmittel drin. Das macht den Schuh kaputt. Nehmen Sie Schuhcreme.“

Die Welt ist groß und voller Rätsel. Auf dem Weg nach Hause begegnet Scherz einem Ostfriesen im Nerz – vielleicht war es auch ein Nerz im Ostfriesen – der lustlos mit einer Harke zwischen den blatt­losen Sträuchern vor dem Haus am Kleistpark herumstochert. Der hätte am ersten April be­stimmt auch gerne Urlaub gehabt.

Werbeanzeigen