DER ROTE PULLOVER

Eines Tages, als der rote Pullover vom wöchentlichen Stretching kam, entdeck­te er, dass er wieder modern war. Er traf gleich mehrere seiner alten Kumpel auf der Straße, die alle gute Laune hatten, weil sie schon lange nicht mehr raus- und an die frische Luft gekommen waren, und auch jede Menge anderer roter Pullover, die er noch nicht kannte. Da schwante dem roten Pullover nichts Gutes. Das Mädchen nämlich, das ihn vor ein paar Jahren in einem Second-Hand-Shop in der vierten Welt geklaut hatte, war so ein richtiges Energiebündel in Sachen Integrität und außerdem total »old school«. Ein Diebstahl zum Bei­spiel kam für sie nicht in Frage. Sie würde ja auch keine Sachen essen, die ein Gesicht haben. Und sie würde erst recht keine Sachen tragen, die plötzlich wieder modern sind.

Das Schlimmste aber war, dass das Mädchen, das Flora mit Vornamen und Fauna mit Nachnamen hieß, ihn aus Geiz nicht bei einer Altkleider-Sammlung abgeben würde. Mist, dachte der rote Pullover, da war er nun endlich wieder einmal mo­dern und wurde nicht mehr blöde angestarrt, sondern be­staunt und gehätschelt, und er hatte das Pech einer miesepetrigen Weltverbesserin zu gehören, die ihn zweifellos hinter den schwedischen Gardinen ihrer Ikea-Kommode verbannen würde, um fortan ein Dirndl oder irgendwelche anderen Fetisch-Klamotten zu tragen. Dem roten Pull­over wurde so schummerig ums Herz, dass er zu Heulen begann. Die Tränen liefen in Sturzbächen an ihm hin­unter, was unglücklicherweise zur Folge hatte, dass er radikal einlief und Flora Fauna er­würgte. Gleich stand eine Menge von Schaulustigen um die beiden herum und berat­schlagte, was zu tun sei. Sie entschied, dass es zwar schade um die mode­bewusste junge Frau sei, dass man aber auch an sich denken müsse und fiel mit vereinten Kräften über das trendige Kleidungsstück her. Dabei wurde der rote Pullover versehentlich in mehrere Tausend Stücke zerteilt, und sogar Flora kam noch zu weiterem Schaden, weshalb die Geschichte an diesem Punkt ziemlich jäh abreißt.

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