MAKROVISIONEN ODER: ZWEI SAHNETORTEN SUCHEN UNTER EINER FAHNE NACH WORTEN

Dunkel. Schlagartig Licht.
A (der Mann) und B (die Frau) sitzen nebeneinander, zentral.
Beide tragen Alltagskleidung und haben Weizenbiergläser,
die sie wie Feldstecher handhaben, vor Augen. A schaut starr
in den Zuschauerraum, B schaut bald hierhin, bald dorthin.

A: Es sieht schlecht aus.
B: (dreht sich zu A) Du siehst schlecht aus.

A dreht sich zu B, so dass sie sich jetzt, Weizenbierglas an
Weizenbierglas, gegenübersitzen. A und B, in sehr schnellem
Wechsel:

A: Ja, wer…
B: sind denn Sie?
A: Guten Tag!
B: Guten Tag!
A: Sehr angenehm!
B: Ich bin entzückt!
A: Ich werd‘ verrückt!
B: Das halte ich –
A: im Kopf –
B: nicht aus.
A: Ja, ei verbibscht!
B: Verflixt nochmal!
A: Dass es sowas –
B: heut noch gibt!
A: Und hundert Gramm –
B: vom Hahnenkamm.
A: Da ham –
B: wir ja –
A: wohl Glück –
B: gehabt!
A: Das Ego schweigt.
B: Die Spannung steigt.
A: Ich liebe Dich,
B: denn es genügt
A: nicht, wenn man sich
B: nur selbst betrügt.

A und B setzen sich Rücken an Rücken und nutzen die Gläser als
Fernrohr:

A: Ich glaube, wir sehen wohl beide das Gleiche.
B: Was siehst Du denn?
A: Eine glückliche Zukunft.
B: Für wen?
A: Für mich. Und Du?
B: Ich sehe ein kleines Problem.
A: Für wen?
B: Für Dich.

B tritt an den Bühnenrand vor und kauert sich, die Gläser nach unten
gerichtet, zu Boden. A stellt sich hinter sie und schaut in die Ferne:

A: Wo bist Du?
B: Am Boden.
A: Tatsache ist doch –
B: Die Wahrheit tut weh.
A: Das, was uns gut tut –
B: Ich sehe nur Schnee.
A: Ich bin nicht von gestern –
B: Scheiß Fernsehn! Ich geh.

A legt sich auf die Stühle, auf denen A und B zuerst gesessen haben.
B setzt sich auf ihn. Sie halten die Gläser wie ein Telefon und
sprechen durcheinander:

B: Ich habe mir heut‘ neue Schuhe gekauft. Und wie geht es Dir?
A: Das ist wahre Lebensfreude!
B: Ich habe mir heut‘ neue Schuhe gekauft. Und wie geht es Dir?
A: Das ist wahre Lebensfreude!

A stellt sich auf einen der beiden Stühle, das eine Glas wie ein
Mikrofon haltend. B sitzt unbeteiligt daneben:

A: Es waren mal zwei Königskind, das eine war vor Liebe blind, das
andre war geschwind, geschwind. Und gab gern Gas.
B: Hast Du auch Spaß?
A: Und es war Krieg und Republik, und eines fraß des andern Samen,
derweil sie nie zusammen –
B: Amen!

A und B sitzen wie zu Anfang nebeneinander:

B: Weißt Du, wenn zwei das Gleiche sehen, dann heißt das noch
lange nicht, dass sie beide –
A: gut aussehen.

A und B wenden sich zueinander, schauen sich an. Sie sprechen im
Chor:

A und B:
Ich hätte Dir gern –
in die Seele gebissen, –
leihst Du mir nochmal –
Dein Ohr?
Doch darauf ist jetzt wohl –
geschissen.
Schau zurück und –
sieh Dich vor.

zuerst erschienen in: Freie Zeit Art Nr. 5, Wien 1993

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