EIN HAAR IN DER SUPPE

„Nimm doch mal die Hand aus der Suppe. Das sieht ja widerwärtig aus, mit den dreckigen Fingernägeln und dem Ekzem! Wer soll denn das noch essen?“ – „Vorhin hast du noch gesagt, ich soll meine Hand in die Suppe legen, dafür leg‘ ich meine Hand in die Suppe, wenn‘s recht ist.“
„Na klar hab‘ ich das gesagt, aber gemeint hab‘ ich Mach mal das Fenster auf und nicht Lege die Hand in die Suppe.“ – „So, so.“
„Nimmst du sie jetzt raus, oder was?“ – „Ja, ich nehme jetzt die Hand aus der Suppe. Obacht.“ – „Und mach das Fenster auf.“ – „Warum soll ich das Fenster aufmachen?“ – „Du hast noch immer die Hand in der Suppe.“ – „Kuck mal, die Fingernägel sind schon fast sauber, und die Bläschen da, ich weiß nicht, vielleicht ist Suppe ja gut für mein Ekzem, was meinst du?“ – „Mach das Fenster endlich auf.“ – „Warum?“ – „Na, warum wohl?“ „Du gehst mir auf die Suppe.“ – „Klar, was denkst du denn?“ – „Ich nehme meine Hand nicht raus, wenn du springst.“ – „Nimm die Hand aus der Suppe.“ – „Nicht, wenn du springst.“ – „Ich soll nicht springen?“ – „Du kochst gute Suppe.“ – „Und du legst deine Finger rein.“ – „Entschuldigung. Ich nehme jetzt die Hand raus.“ – „Mach das Fenster weit auf.“ – „Die Suppe ist gut. Wirklich. Mein Ekzem ist schon fast weg.“ – „Du ekelst mich an.“ – „Na, dann spring doch.“ – „Ich soll durch die Scheibe sprin­gen?“ – „Ich nehme meine Hand nicht aus der Suppe, wenn du springst.“ – „Na schön, dann springe ich eben nicht. Los schon, mach das Fenster auf.“ – „Versprochen?“ – „Versprochen.“
„Das Fenster könnte man auch mal wieder putzen.“ – „Das kannst du ja dann machen.“ – „Stimmt, ich glaube, ich bin dran.“ – „Mir ist es wurscht, ob du es putzt, oder nicht.“
„Du springst doch, hab‘ ich Recht?“ – „Ja.“ – „Du machst wirklich gute Suppe. Und auch sonst. Du wirst mir fehlen.“ – „Danke.“ – „Gibst du mir noch das Rezept?“ – „Ich hab‘s auf­ge­schrieben.“ – „Prima.“ – „Und du? Was machst du noch so heute?“ – „Ich weiß noch nicht. Das Ekzem und so… Vielleicht spring ich auch.“ – „Ich hab Hunger.“ – „Es ist noch Suppe da.“ – „Essen wir gemeinsam?“ – „Gern, ich hol schon mal die Teller.“ – „Nimm die tiefen, aus der Vitrine.“ – „Okay.“ – „Zwei Kellen?“ – „Ja, erstmal zwei. Danke.“
„Schmeckt.“ – „Schmeckt wirklich gut.“ – „Danke.“ – „Das Fenster ist jetzt offen.“ – „Ja, danke.“ – „Du kannst jederzeit springen.“ – „Ich esse erst noch die Suppe.“ – „Logo.“ – „Da ist ein Haar in der Suppe.“ – „Tatsächlich.“ – „Kuck doch mal, wie lang das ist. Von mir ist das nicht.“ – „Von mir ist es auch nicht. Ein Haar in der Suppe, haha.“ – „Weißt du noch, in Salzburg, da hattest du auch immer deine Hand in der Suppe.“ – „Stimmt. Das war lustig.“ – „Lustig ist gut. Zum Totlachen war‘s. Einer nach dem anderen kam rein und sagte Seht mal, der hat ja seine Hand in der Suppe, und du hast die Kartoffelstücke rausgeschnippt und Kartoffeln mag ich nicht so gesagt, und dann haben alle ihre Hand in die Suppe gelegt und Kartoffeln rausgeschnippt…“ – „Wann springst du?“ – „Wenn ich fertig bin.“ – „In der Suppe sind keine Kartoffeln.“ – „Du magst ja auch keine.“ – „Nein.“

Eine Stadtmöwe setzte sich auf das Küchen-Fensterbrett der Wohngemeinschaft der beiden und schnitt ihr Gespräch auf einem Sony-DAT-Recorder mit, damit es der Nachwelt erhalten bliebe. DAT-Recorder waren zu dieser Zeit außerordentlich erschwinglich geworden, und die Stadtmöwe hatte sich einen alten Traum erfüllt, als sie sich das Gerät erschwang. Sehr dunkel, so etwa im Farbton eines seit sechs Jahren nicht geputzten Fensters, schwante ihr, dass sie ihr Leben eines Tages in einer Fahrbahn-Rinne, müden Auges und unappetitlich, beenden würde. Dann zog sie sich auf ihren Lieblingsplatz, den Schornstein des Hauses, zurück.

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