DER BESTE JOB DER WELT

DER BESTE JOB DER WELT

Klaus-Dieter ist Kraftfutter-Fahrer für »Power-Frau & Töchter«. Ein guter und sicherer Job, denn Power-Frauen wird es immer geben, und Kraftfutter werden sie auch immer brauchen. Klaus-Dieter ist glücklich. Er kriegt jetzt sogar die Milchtüten auf, auch wenn gerade keine Schere zur Hand ist, weil er immer mal wieder vom Kraftfutter nascht. Die an­deren Männer, die Klaus-Dieter kennt, sind alle völlig abgeschlafft, seit die Power-Frauen-Liga das Kraftfutter-Embargo über das schwache Ge­schlecht verhängt hat. Die Lage für die Männer ist ernst, aber Klaus-Dieter ist das schnuppe. Klaus-Dieter ist der Piephahn im Körbchen, the cock in the walk, auch wenn er das nicht sagen darf. Offiziell sind alle Kontakte zwischen Männern und Frauen verboten, aber Klaus-Dieter gehört nicht zu denen, die sich leicht bange machen lassen. Wollen doch mal sehen, ob sich heute nicht noch etwas aufreißen lässt, denkt Klaus-Dieter, und eine Milchtüte meint er damit bestimmt nicht.

„Hier Power-Frau & Töchter, Klaus-Dieter, kommen.“ „Hier Klaus-Dieter, was gibt‘s, kommen.“ „Wo steckst du denn, du hast schon zwei Stunden Verspätung, kommen.“ „Ein Polizeieinsatz auf der »Bär­bel-Bohley-«, ehemals »Nancy-Spungen-«, ehemals »Rosa-Luxemburg-Stra­ße« hat mich aufgehalten. Versuchter Mikroalgendiebstahl mit anschließender Liquidierung der ausschließlich männlichen Täter. Die Ware ist komplett, ich bin jetzt etwa bei Elle 23, kommen.“ „Überführung der Lieferung spätestens 18 Uhr 30, meinst du, du wirst das noch schaffen, kommen.“ Klaus Dieter überlegt. Tanken, das Girl von der Tanke flachlegen… „Ich mach so schnell ich kann, kommen.“ „Roger.“

Frau Power-Frau flucht. Sie will endlich Feiernacht machen. Da kommt Frau Power-Frau jr. ins Büro. „Kann ich jetzt Feiernacht machen?“ So hat Frau Power-Frau ihre Tochter noch niemals gesehen. „Wie siehst du denn aus? Wimperntusche? Lippenstift? Ist Männer-Kar­neval?“ Frau Power-Frau jr. wird rosa. „Mutti“, sagt sie, „ich habe da neulich jemanden kennengelernt, und da habe ich mich ein bisschen aufgedonnert, weil…“ Frau Power-Frau fällt ihr ins Wort. Wen soll ihre Tochter denn kennengelernt haben? Einen von diesen Waschlappen, die da draußen herumvegetieren, kann sie doch nicht meinen? Frau Power-Frau kennt überhaupt nur noch einen Mann, der nicht total durchhängt, und das ist ihr Klaus-Dieter. „Okay, mach Feiernacht. Aber donnere dich sofort wieder runter! Was du in deiner Freizeit machst, interessiert mich nicht. Aber hier im Büro kreuzt du nicht noch einmal so auf!“

Klaus-Dieter hat den besten Job der Welt. Er fährt auf die Tanke, kurbelt das Fenster herunter und ordert „Bitte einmal volltanken, bitte!“ Das Girl von der Tankstelle ist ihm schon das letzte Mal aufgefallen. Tank Girl. „Wo ist bei dir der Einfüllstutzen?“, fragt sie. „Das wollte ich dich auch schon fragen“, sabbert Klaus-Dieter. „Hey, hey, hey, ey“, quietscht Tank Girl begeistert, „du bist ja gar nicht so eine Lusche wie die anderen Jungs! Komm, wir gehen in die Waschanlage, ficken!“ „Okay“, sagt Klaus-Dieter, „aber vorher donnerst du dich noch ein biss­chen auf, okay?“ „Ey hey, hey ey! Den Terror mache ich nicht mit. Kommt ein guter Typ vorbei, soll ich mich für ihn aufdonnern, und dann soll ich mich gleich wieder runterdonnern, damit mich meine Chefin nicht erwischt, rauf und runter, rauf und runter…“ „Ich kann aber nicht mit runtergedonnerten Frauen“, mault Klaus-Dieter. Da hat Tank Girl aber schon den Stutzen des verdutzten Klaus-Dieter im Mund. Klaus-Dieter wird von Tank Girl vergewaltigt. Die Lage für Klaus-Dieter ist ernst. Kein Mensch wird ihm das glauben.

Als Tank Girl abgespritzt hat, schlurft Klaus-Dieter völlig abgeschlafft aus der Waschanlage. Jetzt ein bisschen Spirulina platensis, denkt er, sonst mach ich auch noch schlapp! Da bemerkt er, dass der La­ster geklaut ist. Mühsam schleppt er sich zur nächsten Telefonzelle. „Hier Power-Frau & Töchter, kommen.“ „Hier Klaus-Dieter, der Laster ist weg, kommen!“ „Du bist ja völlig außer Atem, was ist denn mit dir los, kommen.“ „Der Laster ist weg, hast du gehört, kommen!“ „Der La­ster ist weg, der Laster ist weg, glaubst du ich bin taub, oder was, kom­men.“ Klaus-Dieter stöhnt. Wenn er jetzt ohne Kraftfutter zu seiner Chefin muss, dann ist alles aus. Draußen pocht ein Typ gegen die Tür der Telefonzelle. „Hey ey, du Weichei. Jetzt mach mal die Biege. Papi will telefonieren!“ Das gibt es doch gar nicht, denkt Klaus-Dieter, auch wenn es ihm schwerfällt. Seinem Körper fehlen bereits mindestens 95 Prozent der Informa­tionen des Meeres, die in der Mikroalge stecken. Trotzdem ist ihm klar, dass der Typ da draußen von dem Kraftfutter genascht haben muss. Da fällt Klaus-Dieter die Notreserve Spirulina platensis ein, die er in einem Kondom in seinem Hintern versteckt hält. „Junge, hör auf, dir am Arsch herumzukratzen. Du hast deinen Posten missbraucht, nur um herumzuvö­geln. Wir beobachten dich bereits seit Wochen. Aber jetzt ist das Spiel vorbei, mein Freund. Wer sich nicht solidarisch zur »Hey-Guy« verhält, darf nicht mit Gnade rechnen.“ In diesem Moment zieht Frau Power-Frau jr. dem Typ eine Flasche »Fit for Fun« über den Schädel. Sie ist total in Klaus-Dieter verknallt. „Der Laster steht da unten, zwei Ecken wei­ter. Komm!“ Klaus-Dieter schluckt die Notreserve Spirulina. „Tank Girl hat mich vergewaltigt. Da hat mir die »Hey-Guy« den Laster geklaut!“ „Das werden wir rächen“, sagt Frau Power-Frau jr., schnappt sich den Typen und pumpt ihn mit Kraftfutter voll. Dann holt sie Tank Girl aus der Waschanlage, nimmt sie in den Schwitzkasten und malt sie wie einen Tuschkasten an. „Ey hey, hey ey, das kannst du mir doch nicht antun, Schwester“, jammert Tank Girl, aber es ist schon zu spät. Der Typ ist wieder zu Kräften gekommen, und als er Tank Girl so aufgedonnert sieht, fällt er natürlich sofort über sie her. „Jetzt rufen wir eine Politesse, und dann ist gut“, sagt Frau Power-Frau jr.

Klaus-Dieter ist glücklich. Er hat den besten Job der Welt. Er wird geliebt. Und wenn er Tank Girl in Zukunft aus dem Weg geht, wird ihm auch nicht noch einmal so eine Scheiße passieren. „Dufte auf­gedonnert biste“, sagt er. „Danke“, haucht Frau Power-Frau jr. und grinst. „Weißt du, was du bist?“ „Was denn“, will Klaus-Dieter wissen. „Du bist das letzte Arschloch der Welt.“ „Danke“, haucht Klaus-Dieter.

zuerst erschienen in: Salbader Nr. 17, Berlin 1996

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KÖRBE UND ARSCHTRITT

KÖRBE UND ARSCHTRITT

Gib, so wird auch Dir gegeben ­– nimm, so nimmst Du Dir das Leben stand in geschwungenen Lettern der Werbeslogan und das Lebensmotto des alten Körbe über der Ladentür des Geschäftes »Körbe und Arschtritt«, darin die kleine Glocke klingelte, der alte Arschtritt fluchte und warf sich den Kittel des alten Körbe über, schlurfte die Wendeltreppe, die von dem über dem Geschäft gelegenen Büro in den Ladenbereich führte, hinunter, die Treppe, auf der er den alten Körbe mit einem Arschtritt ins Jenseits befördert hatte.

Schon seit Wochen war es ihm nicht mehr gelungen, auch nur einen einzigen der Körbe, die der alte Körbe im Laufe seines Lebens bekommen hatte, und die alle sehr gut verarbeitet waren, zu verkaufen. „Sie wünschen? Arschtritt gefällig?“ „Ich hätte gerne einen Korb, nur bitte nicht zu teuer.“ Die Nachfrage nach billigen Körben war enorm. Der alte Arschtritt kannte diese Kundin, sie war schon öfter hier gewesen, heute schon vier Mal, und sie sah blendend aus. Jedes Mal kam es zum Streit: „Hundert Mark? Sie sind wohl verrückt? Wie soll ich mir das leisten? Wissen Sie eigentlich wie viele Männer…“ und regelmäßig beförderte er sie mit einem Arschtritt nach draußen, der war gratis, geben und nicht nehmen, doch sie kam immer wieder, denn die Frauen mochten Arschtritt.

„Wieviel wollten Sie denn anlegen?“ „Ich weiß nicht, meine Devise ist ja eigentlich: Alle ausneh­men und niemals etwas ausgeben, sagen wir mal zwanzig Mark?“ „Sie wollen mich wohl ruinieren, wissen Sie eigentlich, was der alte Körbe, Gott hab ihn selig, dazu sagen würde, im Grab würde der sich umdrehen, sein Lebenswerk verhökern, niemals!“ schrie Arschtritt und beförderte sie und die ande­ren Kundinnen, die sein Geschäft bevölkerten, nach draußen.

Der alte Körbe. Sein Freund. Erdreistete sich, ihn für die roten Zahlen, die sie in letzter Zeit, nach vierzig erfolgreichen Geschäftsjahren, geschrieben hatten, verantwortlich zu machen. Schleimte weiter „Sie wünschen?“ und versuchte, den Frauen seine sehr gut verarbeiteten Körbe anzudrehen. „In was für Zeiten lebst Du denn, Mensch, wir müssen auf Pfefferspray umsteigen, Pfefferspray, Miniröcke und Nylons, wer leistet sich denn heute noch ʼnen Korb für 100 Mark? Die Kunden stehen Schlange nach preiswerten Körben, und wir bleiben hier auf diesen Edeldingern hocken“ erregte sich Arschtritt, und eines Tages hielt er es einfach nicht mehr aus und servierte eine Kundin, die gleich einen Vorrat von Körbchen begehrte, mit den Worten „Nehm‘ Se doch ʼne Plastiktüte“ ab. Der alte Körbe tobte „Das kannst Du doch mit einer Kundin nicht machen, mein Freund, ja bist Du denn nicht mehr ganz richtig im Kopf“, und Arsch­tritt schimpfte Körbe einen Betrüger, von wegen geben und nicht nehmen, seine Arschtritte waren umsonst und außerdem viel wirksamer, und Körbe schimpfte Arschtritt einen Grobian und Schwachkopf, und dann war Körbe gegangen, wortlos, hinaus auf die Straße, und mit einem neuen Korb zurückgekommen, einem wahren Prunkstück in Verarbeitung und Materialqualität. Völlig unverkäuflich.

Se teims sey ar ä tscheyndsching, Mensch Körbe, heute muss das al­les schnellschnell gehen, zack ʼnen flotten Spruch, hopphopp ins Bett und schnell ʼnen Korb, du spinnst doch total“, und dann hatte er Körbe einen Tritt verpasst, und Körbe war verstorben. Der alte Körbe. Sah immer etwas traurig aus. Und nachdenklich. Mürrisch ver­setzte der alte Arschtritt einem der Körbe, die der alte Körbe im Laufe seines Le­bens bekommen hatte, und die alle sehr gut verarbeitet waren, einen Tritt. Laden­hüter. Viel zu teuer. Viel zu gut verarbeitet. Bei mir gibt‘s einen Tritt und das war‘s, dachte er, sein Magen knurrte: »Fleisch«. Die Kundschaft strömte in den Laden, eine Frau hübscher als die andere, und begutachtete seine Ware, stöhnte „Irre“, „Wahn­sinn“ und „Der spinnt“. „Sie wünschen?“ fragte er. „Ich hätte gerne einen Korb, nur bitte nicht zu teuer.“ „Oh, das wird schwierig“, lächelte Arschtritt und betrachtete diesen prächtigen anatomischen Einfall der Evolution etwas näher. „Entschuldigen Sie bitte, mir ist ein wenig schwindelig, mir wird ganz heiß. Sie strahlen so viel Wärme aus, ich muss Sie etwas fragen: Wollen wir nicht vorher noch was spachteln?“ So sprach Arschtritt und dachte: Gib, so wird auch Dir gegeben.

zuerst erschienen in: Salbader Nr. 15, Berlin 1995; Sklaven Nr. 14/15, Berlin 1995