Auf schmalem Grat

Einen schweren Irrtum begehen Regisseur Erwin Keusch und Autor Hansjörg Thurn, wenn sie glauben, den Themen der Korruption, des Mobbing und der sexuell motivierten Gewalt am Arbeitsplatz mit einem Film beizukommen, der sich auf weite Strecken wie ein „Basic Instinct“ für Arme ausnimmt. So darf denn Ann-Kathrin Kramer in diesem Thriller nicht nur eine durchaus sympathische, burschikose Frauenfigur verkörpern, sie muss auch noch den leidenschaftlichen Sex auf Damentoiletten entdecken. Auf diese Weise bewegt sich der Film um eine Polizistin, die nach dem Selbstmord einer Kollegin auf deren Dienststelle nach Ursachen forscht, nicht nur Auf schmalem Grat, sondern auch auf gefährlichem Terrain. Der beklagenswerte und gerade erst in letzter Zeit viel in der Öffentlichkeit diskutierte Umstand, dass sich auch unter Polizisten echt virile Bullen befinden, sollte kein Anlass für einen voyeuristischen TV-Reißer sein, der auch noch, wie üblich, die Mitschuld der weiblichen Opfer behauptet.

Werbeanzeigen

Signale aus dem Dickicht

Schon vor langer Zeit befand Wolf Wondratschek: „Amokläufer mit Stadtplänen sind erlaubt“ – eine Erkenntnis, die sich gut auf Manfred Hulverscheidts einerseits streng geordneten, anderseits aber im Chaos der Eindrücke schwelgenden Film Signale aus dem Dickicht anwenden lässt. Die Idee hinter diesem „Dokumentarfilm“ genannten Experiment: Man nehme vier Megalopolen und ordne sie den vier Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter zu, sammle diesem Formwillen entsprechendes Material und schneide alles zu einem Strom von Bildern und Tönen zusammen. In Mexiko-City beginnt diese weltumspannende Reise, die uns später in die Region um Hongkong und nach London führt, um schließlich in Detroit-City ihr Ende zu finden. Dabei bietet Hulverscheidt dem Zuschauer die seltene Gelegenheit, selber auf Spurensuche zu gehen und wartet mit interessanten Beobachtungen zu Entstehung, Entwicklung und Genese von urbanen Strukturen auf. Unangenehm akademisch dagegen wird sein nur von sparsamen Kommentaren begleiteter Film, wenn er – auch noch unterstützt durch Pfeile oder künstlich gesetzte Zäune im Bild – die Austauschbarkeit der Städte beklagt.

Millionär fürs Leben

Die Friseuse Marie weiß ganz genau, was sie will: Die Blondine sucht und findet nicht nur einen Millionär fürs Leben, sie betört die Gutbetuchten gleich reihenweise. Dass das Drehbuch für diese spätestens seit Marilyn Monroes Abschied von der Lebensbühne überlagerten Mär von der gewitzten Naiven, die in der Welt der Schönen und Reichen für Aufregung sorgt, aus der Feder der „Club Las Piranhas“-Autorin Doris J. Heinze stammt, überrascht nicht. Eher schon, dass sich auch Regisseur Markus Imboden und Armin Rohde für diese Schmonzette hergaben. Gäbe Eva Hassmann, der man, nebenbei, fast alles verzeiht, ihrer hinlänglich bekannten Rolle nicht diesen augenzwinkernden Ausdruck, man müsste das Ganze schlicht als Nebbich abtun.

Night Sins – Der Mörder ist unter uns

Lieblos, wenn nicht herzlos haben Robert Allan Ackerman (Regie) und John Leekley (Buch) ihren nicht enden wollenden Zweiteiler Night Sins – Der Mörder ist unter uns heruntergekurbelt. Ein Psychothriller, der nicht nur sämtliche peinlichen Klischees des Genres in sich vereint (verdächtig zum Beispiel sind immer erst einmal mysteriöse, verquere Typen, die mit einem Glasauge größer als ein Monokel rumlaufen, später ist dann immer jeder verdächtig), sondern darüber hinaus auch noch versucht, praktisch ohne Spannung zu fesseln. Ein Debakel von Film, an dem lediglich die Grundidee stimmt: Das Böse lauert meist dort, wo man es nicht vermutet. Hier zum Beispiel.

Lieb mich

Hauptsache ist doch, man weiß, was man will. Ein Grundsatz, den die Regisseurin Maris Pfeiffer auf vorbildliche Weise beherzigt. Lieb mich! konzentriert sich ganz auf seine Geschichte und seine Figuren: Eine junge Ehefrau und Mutter verliebt sich in die Lehrerin ihres Sohnes, was nicht nur das für geordnet gehaltene Alltagsgrau ihres Gatten verdüstert, sondern auch für neuen Schwung in einem erstarrten Lebensmodell sorgt. Mit einem heute selten gewordenen Selbstvertrauen stellt die Regie das uralte Thema der Liebe ins Zentrum der Betrachtung und entwickelt ein beachtlich unaufdringliches Drama, das man einfach gern haben muss. Bemerkenswert auch die Leistung der drei Hauptdarsteller: Julia Richter, Naomi Krauss, Oliver Stokowski.

Die Gen-Akte – Fenster zur Hölle

Ein ganz übler Verein ist Bentik-Lange, ein Pharmakonzern, der seine Marktposition eindeutig missbraucht. Nicht nur, dass man hier fleißig an neuen Krankheiten bastelt, die man dann gewinnträchtig kurieren kann – zwecks Geheimhaltung wird auch gleich noch die Belegschaft mit einem tödlichen Virus verseucht, für den nur die eigene Produktion ein Gegengift kennt. So bizarr das Szenario dieses zweiteiligen Thrillers, der wie eine Mischung aus „Emergency Room“, „Rosemary‘s Baby“ und „Das Kind meiner Schwester soll leben – wenn Wissenschaftler zu Monstern werden“ wirkt, so bieder und unpassend melodramatisch kommt seine Inszenierung daher. Wirklich zu empfehlen ist Die Gen-Akte – Fenster zur Hölle nur bei schwerer Insuffizienz der konkurrierenden Sender.

Im Club der Millionäre

In Thorsten Näters Thriller Im Club der Millionäre bringt sich ein gestandener, aber leider vor dem finanziellen Ruin stehender Kunsttischler (Heio von Stetten) binnen von Tagen beinahe um alles, was ihm lieb und teuer ist. Da wäre zum Beispiel sein Leben, das er mehr als nur einmal verteidigen muss, nachdem ihn sein Bruder (Gregor Törzs) in den erlauchten Kreis des Universe-Masters-Club eingeführt hat. Hier lernt der rasch vom Goldrausch infizierte, eifrige Neuling in der Welt des schnellen Gewinns, dass man auch als Börsen- und Kredithai absaufen kann – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wie das Beispiel seines Bruders zeigt. Überzeugt, dass dieser um die Ecke gebracht und er abgezockt wurde, entwickelt er entschiedenen Ehrgeiz, wenigstens seine eigene Haut zu retten und ferner die Drahtzieher hinter diesem undurchsichtigen Liebes- und Finanzmonopoly ausfindig zu machen. Geschickt aufgebaute, spannende Unterhaltung, in den Hauptrollen überzeugend gespielt.