Erschießt sie wie die Hunde!

„Sie sind eine Mischung aus Fuchs und Schwein“ – mit dieser Beschimpfung entzieht Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski, Autor der berühmten Theorie „Das Schuldbekenntnis ist die Königin der Beweise“, dem Parteitheoretiker Nikolai Bucharin das buchstäblich letzte Wort beim letzten der drei großen Schauprozesse in Moskau am 12. März 1938. Wenige Stunden nach der Urteilsverkündung, während Angehörige noch um Begnadigung bitten, werden Bucharin und die anderen Angeklagten erschossen. Die Umgangsformen sind rau im Russland am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Allein 1937/38 werden Hunderttausende von „Volksfeinden“ zum Tode verurteilt, Millionen verbannt. Die Gefangenen im Gulag erzählen sich folgenden Witz: Es sprechen zwei Häftlinge im Lager miteinander. Fragt der eine: „Wie viel hast du gekriegt?“ – „Fünf Jahre.“ – „Wofür?“ – „Für nichts.“ –„Unsinn! Lüge! Für nichts bekommt man zehn Jahre!“ Allein schon der Zweifel an der Schuld eines anderen stellt eine Straftat dar, und sogar Offiziere der Geheimpolizei begehen aus Angst vor einer Verhaftung vorsorglich Selbstmord. Denunziation ist Bürgerpflicht, die Verunsicherung der Bevölkerung total. Ebenso total wie der Machthunger Stalins – er will nicht nur einfach den Tod seiner Feinde, er will sie zuvor auch noch moralisch, politisch und ideologisch vernichten.

Für seinen Dokumentarfilm Erschießt sie wie die Hunde! befragte Heinrich Billstein erstmals Zeitzeugen der Moskauer Schauprozesse 1936 bis 1938. Begleitet von der „Symphonie in c-Moll, op. 43“ von Dimitri Schostakowitsch verfolgt der Film die kalte Systematik von Stalins Terror. Kapitel für Kapitel führt er in die Materie ein, fügt er sein Material zu einem Gesamtbild. Freunde und Hinterbliebene der Angeklagten der Schauprozesses – darunter der langjährige Vorsitzende der kommunistischen Internationale Grigori Sinowjew und der ehemalige Ministerpräsident Alexei Rykow – kommen ebenso zu Wort wie einstige Offiziere des NKWD, Redakteure der „Prawda“ berichten von ihrer propagandistischen Begleitmusik zu den Schauprozessen, und ehemalige Lagerinsassen erläutern, wie man von ihnen die absurdesten Schuldgeständnisse erzwang. Weshalb sich vor 60 Jahren Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger von dem Despoten täuschen ließen, vermag auch dieser Dokumentarfilm nicht zu erklären. Wohl aber, warum die alte Garde Lenins – der unsichtbare Hauptangeklagte der Prozesse Leo Trotzki wurde 1940 im Exil in Mexiko ermordet – keine Überlebenschance hatte: Leugneten sie die Anschuldigungen, „Agenten der Hitleraufklärung“ zu sein, hätten sie die Gerichtsverfahren als politische Schauprozesse entlarvt, und wären schuldig im Sinne Stalins gewesen – als Verräter am Sozialismus. Indem sie, als letzten Dienst für die Partei, ein Geständnis ablegten, um damit wenigsten ihrem Glauben an den Sozialismus treu zu bleiben, spielten sie mit im grotesken Schauspiel und willigten ein in die eigene Vernichtung. Die Partei hat immer Recht.

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Zucker für die Bestie

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde und ein Krimi mit einer Leiche. Der Fall Kaltenbach liegt anders. Vor neun Jahren wurde der Gynäkologe für schuldig befunden, drei Frauen aus sexuellen Motiven gefoltert und bestialisch ermordet zu haben. Pikanter Punkt des Schauprozesses: Es wurde nicht eine der Leichen gefunden. Szenenwechsel: Für ihre Hausarbeit im Fach Revisionsrecht will sich die Jurastudentin Tanja unbedingt mit eben diesem Fall beschäftigen. Sie nimmt Akteneinsicht beim Anwalt des Arztes, der auch heute noch mit Briefen seines Mandanten traktiert wird, die es ihm mit neuerlichen Hinweisen ermöglichen sollen, eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erreichen. Sie besucht den Inhaftierten im Gefängnis, der sie von seiner Unschuld zu überzeugen versucht und auf eine Fährte ansetzt.

Nicht von ungefähr erinnert der Plot an „Das Schweigen der Lämmer“. Auch die erste Begegnung zwischen Tanja und dem mutmaßlichen Frauenmörder atmet eine ganz ähnliche, morbide Stimmung – und es wäre tödlich, sehr viel mehr von der Handlung dieses Thrillers vorwegzunehmen, der den Vergleich mit dem genannten Vorbild sogar in puncto Spannung nicht zu fürchten braucht. Nur so viel sei geflüstert: Tanja, die in Wirklichkeit den Fall genau kennt und von der Schuld des Arztes überzeugt ist, verhilft ihm via Krankenhaus zur Flucht aus dem Gefängnis, um sich bei ihm für den Mord an ihrer Mutter zu rächen. Dass sich ihr süßer Racheplan in eine bittere Pille verwandelt, sei auch noch verraten. Sogar, dass alles mit einem Frauenmord endet. Der eigentliche Clou der Geschichte ist ein anderer. Drehbuchautor Matthias Seelig („Aufforderung zum Tanz“, „Der Schneemann“) und dem nicht nur von diversen Folgen des „Tatort“ bekannten Regisseur Markus Fischer ist ein beeindruckendes Spiel mit der Gewissheit gelungen, wie ungewiss die Wahrheit ist, ein Thriller im Schwebezustand sozusagen, dem es trotz seiner schnörkellosen und linearen Erzählweise zu jedem Zeitpunkt gelingt, vollkommen offen für den Fortgang zu bleiben. Schuld oder Unschuld, Himmel oder Hölle, Liebe oder Hass: Es gibt bis zum Schluss keine Klarheit in diesem psychologisch ausgefeilten Schuld-und-Sühne-Drama, dem Christiane Paul in der Rolle der Tanja, Matthias Habich als Dr. Kaltenbach und die ätherische Filmmusik von Irmin Schmidt (Can) eine ganz besondere Nervosität verleihen, die Licht und Kamera noch unterstützen. Viel düsterer geht’s nimmer, oder, wie Chefkriminologe Walter Serner sagen würde: „Trau, schau, niemandem!“

Eine öffentliche Affäre

In der typisch öden Fernsehästhetik präsentiert sich Eine öffentliche Affäre von Rolf Schübel. Nach einem Drehbuch von Barbara Wilde, die ihre Lehrjahre als freie Autorin für so renommierte Schwatzblätter wie „Brigitte“, „Für Sie“, „Petra“, „Quick“ oder „Bunte“ verbrachte, entstand ein belangloses Drama, das Christian Quadflieg als überaus erfolgreichen TV-Moderator in die Schlagzeilen der Boulevardpresse bringt, als dieser in den Verdacht gerät, mitschuldig am Selbstmord einer 17-jährigen Schülerin zu sein. Sowohl als Familiendrama wie auch als Medienschelte ein braves Stück Langeweile, das niemand braucht.

Sara Amerika

Letztlich eher misslungen ist ein formal interessantes, aber über weite Strecken ermüdendes Wendedrama, das sich an die Fersen vierer Ritter von der traurigen Gestalt im Berlin des Jahres 1993 heftet. Sara Amerika von Roland Suso Richter stellt uns drei junge Herren und eine Frau unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft vor, die sich bei ihrer Suche nach dem persönlichen Glück immer wieder begegnen, schließlich aber in alle Himmelsrichtungen verlieren. Dennenesch Zoudé gibt eine Schwarze aus Amerika/Sachsen, die in der Hauptstadt ihrem Großvater und später in den Staaten ihrem Erzeuger begegnet, Thomas Heinze, Gregor Törzs und Oliver Korittke sind ihre männlichen Begleiter.

Familie und andere Glücksfälle

Er hat sein Kaninchen nach ihr benannt, er hat sie trotz seiner geistigen Behinderung ausfindig gemacht, und nun will sie partout nichts von ihm wissen: Die Komödie Familie und andere Glücksfälle von Dror Zahavi konfrontiert eine herzlose Karrierefrau (Ann-Kathrin Kramer) mit einem Wonneproppen von Irren (Arndt Schwering-Sohnrey), den sie leider nicht einfach wieder wegschicken kann, da er sich dummerweise als ihr leiblicher Bruder herausstellt. Dass sich aus dieser Konstellation einiges humoristisches Kapital schlagen lässt, zeigt ein ziemlich depperter TV-Unterhalter, der nur so vor doofen Anzüglichkeiten strotzt.

Clowns

Wer schon immer den Eindruck hatte, pausenlos von Clowns umgeben zu sein, der wird viel Freude an einer Verwechslungskomödie haben, in der sich die Wege dreier Menschen in Ausnahmesituationen schicksalshaft kreuzen. Da wäre der Schauspieler und notorische Pechvogel Nick (Frank Giering), die Scheckkartenbetrügerin Charlie (Anna Thalbach), die unbedingt ihren Sohn aus dem Heim holen will, und schließlich ein verrückter Bankräuber (Jochen Nickel), der Angst hat, ihm könnten die Ohren abfallen. Nachwuchsregisseur Tim Trageser ist mit seinem Spielfilmdebüt ein im besten Sinne unterhaltender, pointenreicher Spaß gelungen, der lustvoll Krimivorbilder durch den Kakao zieht und zugleich eine sympathische Liebesgeschichte mit dem dafür nötigen Tiefgang erzählt.

Jenseits der Liebe

Ein kapitales Verbrechen beschäftigt auch Jan (Robert Atzorn), Professor der Germanistik in Berlin, der sich in England in die faszinierende Museumsführerin Helen (Martina Gedeck) verliebt. Dummerweise steht ein äußerst düsteres Kapitel der Vergangenheit zwischen ihnen – wie die beiden im Laufe ihrer Recherchen entdecken, ist der Vater von Helen der Mörder des Vaters von Jan und weiterer Männer, die im Zweiten Weltkrieg Opfer eines Erschießungskommandos wurden. Mit seinem Film Jenseits der Liebe hat Matti Geschonneck in gewohnt sorgfältiger Inszenierung eine Mischung aus melodramatischer Liebesgeschichte und der Abrechnung mit einem NS-Verbrecher gewagt, der sich nie seiner Schuld stellte und als Mönch untertauchte. Für ein TV-Movie gewiss diskutabel, erreicht diese Arbeit des Regisseurs aber nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit vieler seiner früheren Filme.