Nur das Blaue vom Himmel

Aller Anfang ist schwer – speziell wenn man gerade erst 14 Jahre alt, aber fest entschlossen ist, den Sommer nicht als Jungfrau zu beenden. Fast hätte die pummelige, doch resolute Lisa ihr Ziel schon erreicht, da machen ihr Hanno und Ulli einen Strich durch die Rechnung: Mit dem festen Vorsatz, ihrer Tochter endlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, packen die zerstrittenen Eltern von Lisa Gitarre und Gesellschaftsspiel ein und starten in Opas Wohnwagen zu einem spontanen Egotrip nach Südfrankreich durch.

An die Qualität seines Vorgängers und 1999 mit einem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Inzest-Dramas „Schande“ reicht Claudia Prietzels neuester Film zwar nicht heran, doch auch hier hat sie gemeinsam mit Ko-Autor und -Regisseur Peter Henning ein Stück überdurchschnittliche TV-Unterhaltung geschrieben. In einer Mischung aus Teenager-Drama und Camper-Komödie, Familien- und Liebesfilm inszeniert, lässt das TV-Movie den Zuschauer am Gefühlsleben eines Girlies teilhaben, das am Egoismus seiner Eltern schier verzweifelt und bei seinen ersten energischen Klimmzügen in den siebenten Himmel der Liebe zunächst einmal eine Bauchlandung macht. Und als Lisa endlich das Interesse ihres Angebeteten geweckt hat, kommt ihr wieder ein höchst eifersüchtiger und um Sitte und Anstand fürchtender Papa in die Quere, bei dem sie wenig später das sprichwörtliche Feuer der Leidenschaft löscht, als sie ihn in flagranti bei einem Seitensprung ertappt.

Besonders erfreulich an den Filmen von Claudia Prietzel ist, dass die Regisseurin soziale und gesellschaftliche Zustände nicht kommentiert, sondern nur konstatiert – und dabei ihre Figuren absolut ernst nimmt. Egal ob es sich um eine Bande von Ausreißern, einen voyeuristischen Camper oder eine pubertierende Asthmatikerin handelt, stets werden die Charakter in größtmöglicher Lebendigkeit gezeichnet. Filme, die eine derart sympathisch-direkte und authentische Sprache sprechen, wünschte man sich viel öfter zu sehen.

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Petite Chérie

Die Bankangestellte Sybille bewohnt im fortgeschrittenen Alter von 30 Jahren noch immer ihr Mädchenzimmer bei den Eltern. Den Kopf voller schwülstiger Liebesromane, lernt die Jungfer eines Tages einen jungen Mann kennen, der schon bald das schmale Bett mit Sybille und den Tisch mit der Spießerfamilie teilt. Für eine Weile gelingt es der Regisseurin Anne Villacèque, mit ihren ruhigen, oft stummen Beobachtungen zu interessieren, doch dann legt sich die Bedeutungsschwere ihrer doch allzu blutleeren Geschichte wie Blei auf die Lider des Betrachters. Versucht sich ihr Film Petite Chérie vielleicht am Psychogramm eines allzu behüteten Kindes? Oder sollen wir der Rolle des Märchenprinzen, eines ganz gewöhnlichen Perversen, mehr Aufmerksamkeit schenken? In jedem Fall ein Film, der gleich eine Reihe von brennenden Fragen hinterlässt, von denen die wichtigste lautet: Was soll das?

Die Unicorn und der Aufstand der Elfen

Alle Jahre wieder stampft Hallmark Entertainment einen Millionen Dollar schweren, zumeist zweiteiligen „Eventfilm“ aus dem bodenlosen Fass der Mythen, Legenden und Sagen. Aus dem schier unerschöpflichen Fundus des uns überlieferten Personals haben sie diesmal eine Hand voller Elfen und Zwerge gezogen, deren schnuckelige Parallelwelt aus dramaturgischen Gründen von bösen Trollen bedroht ist. Mit einem namenlosen, als Einhorn verkleideten Klepper und Beau Bridges als Zugpferd international hochkarätig besetzt, dümpelt Die Unicorn und der Aufstand der Elfen durch eine weitere märchenhaft-kitschige, aber vergleichsweise kostengünstige Abenteuergeschichte, die sich im Vergleich zu der früheren „Arche Noah“-Verfilmung wie eine Nussschale ausnimmt. Ein unmissverständlich symbolischer Film für die ganze Familie, den sicher nicht nur das amerikanische Volk richtig zu deuten versteht.

Die Wunde

Die 21-jährige Julia möchte Schauspielerin werden – zornig zerfetzt sie den Brief, der ihr die Aufnahme an der Schauspielschule bestätigt. Ihre querschnittsgelähmte Mutter, die das Motorrad mit dem Rollstuhl getauscht hat, redet ihr beschwörend zu. Und dann ist da noch ihr Vater, ein eiskaltes Manager-Schwein, das gerade die Masturbationstechniken seiner Privatsekretärin in näheren Augenschein nimmt. In seinem neuesten Film Die Wunde führt uns Thomas Stiller eine düster-urbane Familientragödie vor, die sich in ausgesucht verbrämten Kinobildern gefällt und die Gesetze der Wahrscheinlichkeit munter verletzt: Julia (Alexandra Schalaudek), die zeitlebens darunter litt, ihren Vater nie kennen gelernt zu haben, nimmt sogar einen Job in einem Striplokal an, um sich alsbald als Femme fatale zwischen zwei zugeknöpften Egomanen wiederzufinden – der zweite ist pikanterweise Matrose und ihr leiblicher Bruder. Wem in dieser Konstellation noch eine still-verzweifelte Ehefrau fehlt, die ihren Unterleibskrebs mit Selbstmord kuriert, der wird nicht enttäuscht.

Ich hab es nicht gewollt – Anatomie eines Mordfalls

In seinem Justizdrama Ich hab es nicht gewollt – Anatomie eines Mordfalls verfolgt der Anwalt, Autor und Regisseur Norbert Kückelmann den Strafprozess gegen einen psychisch kranken Mörder. Er führt in filmisch eher experimentell gehaltenen Sequenzen in die gestörte Persönlichkeitsstruktur des Täters ein, und geht fortan mit einem Prozessverfahren hart ins Gericht, das die Verhandlungen streng nach dem Vorurteil der aufgebrachten Öffentlichkeit führt. Über diese unglücklich gewählte Mixtur aus atmosphärisch gehaltenem Thriller und einem mit erhobenem Zeigefinger vorgetragenen Plädoyer für die therapeutisch begleitete Sicherheitsverwahrung ließe sich trefflich in Juristenkreisen, nicht aber in Regieseminaren streiten. Ein sicher mit den besten Vorsätzen gedrehter Film, für den leider Goethes geflügeltes Wort gilt: Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Zornige Küsse

Gut möglich, dass der Schweizerin Judith Kennel ein ambitioniertes Jugenddrama vorschwebte, als sie mit ihrem Debütfilm Zornige Küsse  die Geschichte einer nicht einzulösenden Liebe verfilmte. Die 15-jährige Lea, verzweifelt darüber, dass ihre Mutter sie in ein von Nonnen geführtes Mädcheninternat gesteckt hat, schmiedet einen durchtriebenen Plan: Sie will ihren Lehrer, Pfarrer Bachmann, verführen, um ihn anschließend wegen sexueller Belästigung anzuzeigen. Gar kein so einfaches Unterfangen, wie sich herausstellt, und unversehens überschreitet der aufsässige Backfisch mit Punkattitüde die Schwelle vom Teenagerdasein zur erwachsenen Frau. Ein schon für sich genommen spannender Entwicklungsprozess, der hier völlig überflüssiger Weise zusätzlich zum Zölibats-Thriller aufgeblasen wird. Was SAT.1 oder RTL nicht davon abhalten wird, sich beizeiten an einem Remake des brisanten Stoffs zu versuchen. Titelvorschlag: „Minderjährig! – Ein Pfarrer lernt die Liebe“.

Tatort – Bienzle und der süße Tod

„Never change a winning team“ – für einen Jubiläums-Tatort aus Stuttgart gilt das gleich in mehrfacher Hinsicht. Seit zehn Jahren bekämpft Dietz-Werner Steck in der Rolle des Ernst Bienzle kapitale Verbrechen in Schwaben an der Seite seines aus Berlin stammenden Assistenten Günter Gächter (Rüdiger Wandel), das Krimi-Urgestein Felix Huby liefert die Bücher dazu und – last but not least – erleben wir den Kommissar unseres Vertrauens seit eben dieser Zeit im Beziehungs-Clinch mit seiner geliebten Hannelore (Rita Russek). Bissele spät für die Goldene Hochzeit, und so dröselt auch der neueste, insgesamt 16. Fall Bienzle und der süße Tod das gewohnt gediegene Mörderquiz am offenen Feuer auf. Wen die maßgebliche Story um die zerrütteten Familienverhältnisse einer ehemaligen Pianistin weniger interessiert, der kann sich in der jüngsten Folge immer noch mit Kommissar Agamemnon, dem Bernhardiner seines Vertrauens, anfreunden.