Treibjagd (2003)

Verwundetes Wild ist gefährlich – soweit kennt jeder die Gesetze des Waldes. Was aber, wenn der Verletzte der Jäger selbst ist und im undurchsichtigen Dickicht auf ein düsteres Kapitel seiner Vergangenheit in Gestalt eines marodierenden BND-Mannes trifft? Der Revierjäger Stein (Heiner Lauterbach) gehörte selbst einmal zum Klub der Nachrichtendienstler, und nun, Jahre später, hat ihm der Zufall ein paar geheime Papiere zugespielt, die der Sonderermittler Mooser (hervorragend: Udo Samel in einer Mischung aus BND-Frontschwein und Platzhirsch aus Überzeugung) dringlich vermisst. Ulrich Starks Thriller Treibjagd nach einem Buch von Dirk Salomon und Thomas Wesskamp zeigt zwei Männer in einem unerbittlichen Zweikampf und überzeugt durch seine gekonnte Dramaturgie, pointierte Dialoge und einen bitterbösen Witz, der durch den konterkarierenden Musikeinsatz noch unterstrichen wird.

Schöne Lügen (2003)

Man kann sie sich vorstellen, die quälenden Fragen, die eifrige Journalisten Susanna Simon nun stellen. „Ist es Ihnen sehr schwer gefallen, sich einen Teil Ihrer Haare für diesen Film abzurasieren?“, werden sie fragen, und sie wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass ihr die Rolle ganz toll gefallen habe und sie auch rein privat tief berührt von dem Stoff gewesen sei und so weiter. Doch, doch, Schauspieler behaupten so etwas. Alles Schöne Lügen, die davon ablenken sollen, dass die Geschichte um die Innenarchitektin Kim, die nach einem Unfall erst ihr hübsches Antlitz verliert und schließlich ihr gesamtes bisheriges Leben in Frage stellen muss, nichts weiter als ein banales Rührstück nach bewährtem Rezept ist, ein TV-Drama für ganz denkfaule Sofakartoffeln, die am liebsten mit ihrem Lieblingsplüschtier vor dem Fernseher sitzen. Dann schon lieber noch einmal „Der Elefantenmensch“ von David Lynch, der doch bestimmt irgendwo in der hauseigenen Videothek auf seine Wiederentdeckung wartet.

Nachts, wenn der Tag beginnt (2003)

Die Befürchtung, dass Justitia auf einem Auge blind sei, wurde schon öfters geäußert. In einem neuen Psychothriller nach einem Buch von Fred Breinersdorfer bekommen wir es nun gar mit einem Richter zu tun, der nahezu vollkommen blind ist. Nachts, wenn der Tag beginnt variiert einen Mut machenden Ausspruch des Dalai Lama und führt den Recht sprechenden Hobbyboxer und passionierten Taschentuch-Schnüffler Friedrich Thomasius mit der von ihm als Vatermörderin abgeurteilten und aus dem Gefängnis geflohenen Johanna Schneider in einem Kammerspiel zusammen, in dessen Verlauf sich der vermeintlich knallharte Charakter des blinden Richters allmählich von einer ganz anderen Seite zeigt. Ein Schauspielerfilm und ein Fest für die beiden Hauptdarsteller Christian Redl und Nina Petri, aber auch eine ziemlich unglaubwürdige Kopfgeburt, mit der Regisseur Christian Görlitz bei weitem nicht an die Güte seines letzten Films „Mord im Haus des Herrn“ heranreicht.

Liebesschuld (2001)

Die beiden Hamburger Anwälte Anke und Stefan turteln gewaltig, im Bett allerdings kommt es bei ihr zur Blockade. Mitten in dieser angespannten Situation bekommt Anke einen Anruf von ihrer todkranken Mutter, von der Stefan bisher gar nichts wusste. Und so erfährt nicht nur er, sondern auch der geneigte Zuschauer von ihrer Liebesschuld, von einem Dorf, in dem Anke aufgewachsen ist, einem Bauern, dem das Sorgerecht für die Tochter entzogen werden soll, von seiner verunfallten Ehefrau und deren verzweifelten Eltern. Ulrich Starks Film ist von der Anlage her ein brauchbares Drama, das aufzuzeigen versucht, wie sich komplizierte Familienverhältnisse reproduzieren. In der Umsetzung allerdings ist das alles übelster Postkartenkitsch über die Schönheit der ostholsteinischen Landschaft, der die merkwürdigen Probleme der sonderbaren Zweibeiner mit dem aufrechten Gang in ein lachhaftes Licht setzt. Schade um so gute Darsteller wie Dominique Horwitz oder Ulrike Kriener …

Familienkreise (2003)

Im letzten Jahr wurden Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke mit dem Adolf Grimme Preis für ihr Mutter-Tochter-Drama „Ende der Saison“ ausgezeichnet, und auch mit ihrem neuesten Film betreten sie wieder höchst komplexe Familienkreise. Darin beendet der erfolgreiche Auslandskorrespondent und Patriarch Raimund Parz, hervorragend interpretiert von Götz George, seine Karriere und kehrt nach Jahren der Abwesenheit zu seiner Familie in Deutschland zurück. Ein verzweifelter Anruf seines älteren Sohnes, der seit geraumer Zeit wieder bei der Mutter wohnt und nun aus dem Haus fliegen soll, kündigt diesen Umstand auch dessen Bruder, dem Verleger Christopher Parz an, der sich im Folgenden anschickt, schlichtend in die Situation einzugreifen – und kläglich scheitert. Ein ungewöhnlich sorgsam beobachteter und dabei zugleich unbeteiligt wirkender Film, der in Szenen von bisweilen schmerzender Belanglosigkeit Dinge zu Tage fördert, vor denen man sonst gerne die Augen schließt.

K3 – Kripo Hamburg: Auf dünnem Eis (2003)

Schon seit 1987 versetzen „Die Männer vom K3“ die Hamburger Unterwelt höchst erfolgreich in Angst und Schrecken, doch nach gut drei Dutzend abgeschlossenen Fällen hat sich der produzierende NDR jetzt zu einem Relaunch der Krimiserie entschlossen. K3 – Kripo Hamburg nennt sich das neue Format leicht abgewandelt, und behandelt auch weiterhin klassische Whodunits, um das Stammpublikum nicht zu verprellen. Dafür ermitteln mit Ulrich Pleitgen, Oliver K. Wnuk, Jürgen Tonkel und Oliver Bäßler sage und schreibe vier Kommissare, die sich gleich in der ersten Serienepisode Auf dünnem Eis bewegen: Für den brutalen Mord an dem zwielichtigen Kaufmann Pöschel kommen allzu viele Verdächtige in Frage. Größtes Plus der von den beiden alten TV-Füchsen Friedemann Fromm (Regie) und Norbert Ehry (Buch) gestalteten Eröffnungsfolge ist ihr unaufdringlich eingestreuter Humor. Und die bereits gut ausgereifte Chemie zwischen den sehr unterschiedlich temperierten Cops sorgt ständig für weiteren Zündstoff.

Zuckerbrot (2003)

Der fromme Deutschrusse Mitja (Ivan Shvedoff, „England!“ u.a.) ist erst ein paar Tage an der Spree, da lernt er auch schon zwei kleinkriminelle Geschwister und echte Berliner Gören kennen. Jenny (Marie Zielcke), gerade aus dem Jugendgefängnis entlassen, und ihr Bruder Ricki (Florian Lukas) benutzen den zurückhaltenden und scheinbar ziemlich einfältigen jungen Mann, der auf einer U-Bahn-Station als Blumenverkäufer jobbt, als Zwischenstation für ihre krummen Geschäfte. Sie als Zuckerbrot, er als Peitsche, so will es die simple Verbrecherphilosophie des gelehrigen und strebsamen Ricki. Das es dann doch alles ganz anders kommt, dafür sorgt dieser stimmungsvoll fotografierte und bis in die Nebenrollen prächtig besetzte Film von Hartmut Schoen („Warten ist der Tod“ u.a.), der gekonnt zwischen Krimi, Familiendrama und märchenhaftem Liebesfilm oszilliert. Und wie Deutschrussen daheim ihre Hunde zu nennen pflegen, wissen wir jetzt auch: „Claudia Schiffer, sitz!“

Liebe Schwester (2002)

Nirgends wird so häufig und so heftig gestorben wie in der Glotze, doch nur selten sprechen TV-Produktionen Themen wie Krankheit, Tod und Verlust auf angemessene Weise an. Hannah Hollinger (Buch) und Matti Geschonneck (Regie) ist es gelungen – mit einer vordergründig ganz einfachen Geschichte: Judith (Anja Kling) ist unheilbar an Krebs erkrankt und besucht zum ersten Mal seit Jahren die Liebe Schwester. Lea (Maja Maranow) ist Anwältin in einer Kanzlei und hat gerade ein äußerst lukratives Mandat übertragen bekommen. Von der jüngeren Schwester zunächst im Unklaren über das wahre Ausmaß ihrer Krankheit gehalten, versucht die mitten im Berufsstress steckende Lea, den überraschenden Besuch irgendwie mit ihrem eng gesteckten Terminplan zu koordinieren. Das kann nicht gut gehen: Lea, die toughe Businessfrau, gerät allmählich ins Trudeln. Ein im besten Sinne unaufgeregter Film, der sich auf wohltuende Weise seiner erzählerischen Qualitäten und seiner stilistischen Mittel sicher ist.

Der Mörder ist unter uns (2003)

Mit den Abgründen des Dorflebens kennt sich Markus Imboden aus, das hat er bereits mit seinem Krimi „Ein Dorf sucht seinen Mörder“ bewiesen. Nach diesem Ausflug in die Gefilde unterhalb des Weißwurstäquators ist er nun im hohen Norden der Republik angekommen, und siehe, Der Mörder ist unter uns. Diesmal sind sogar mehrere junge Frauen ermordet worden, und wieder lauscht das Auge des Gesetzes mehr oder weniger hilflos an einer Mauer des Schweigens – in puncto Engstirnigkeit erweist sich das Nordlicht dem Bajuwaren als ebenbürtig. Wieder ein sorgfältig inszenierter Kriminalfilm von bisweilen beklemmender Intensität, der sich nun anstelle der Erkenntnisse der Genforschung die Methoden der modernen Tatortanalyse zunutze macht. Susanne Schäfer als Staatsanwältin Stein und Christoph Waltz als Kriminalpsychologe Bach agieren dabei auf irritierende Weise fast wie ihre bewaffneten Kollegen, die ständig im Hintergrund auf der Lauer liegen.