Katzenzungen

Die ganze Fahrt nach Rügen hat Dodo geschwiegen. Als ihre Reise mit Nora und Claire zu Ende geht, hat sie sich endlich ihren aufgestauten Frust von der Seele geredet. Das Psychodrama Katzenzungen von Torsten C. Fischer, nach dem gleichnamigen Roman von Martina Borger und Maria Elisabeth Straub entstanden, verfolgt über fast eine Stunde den im Flüsterton gesprochenen Subtext, der ausschließlich in den Köpfen der drei Frauen vorgeht. Seit ihrer Schulzeit miteinander befreundet, treffen sie sich bereits zum siebten Mal zu einem Kurzurlaub wieder, und wahren dabei nur noch mühsam den Anschein von Harmonie. Ein von der Idee her interessantes Filmexperiment über Sprachlosigkeit und weitere höchst menschliche Schwächen, das vor allem unter der Schwierigkeit leidet, tragfähige Bilder für den Gedankenstrom der mehr oder weniger neurotischen Frauen zu finden. So aber beobachten wir Meret Becker, Birge Schade und Ina Weisse die längste Zeit bei ihrer Abendtoilette – was für ein Katzenjammer.

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Gefährliche Gefühle

Es ist eine stürmische Nacht. Ihr Mann ist mit der Bergwacht ausgerückt, die Straßen sind alle gesperrt, und Brigitte liegt von Schmerzen gepeinigt in den Wehen. Beste Voraussetzungen für ein schneeverwehtes Alpendrama und jede Menge Gefährliche Gefühle aus Großmütterchens Flimmerkiste. Doch weit gefehlt. Nach einem Buch von Henriette Piper entstanden, schildert Martin Enlens bewegend und einfühlsam inszenierter Film eine Tragödie von antikem Ausmaß: Brigitte stirbt vor der Geburt ihres Kindes, die eilends herbeigerufene Hebamme Andrea, die Jugendliebe von Brigittes Mann, entscheidet sich für einen Not-Kaiserschnitt, um wenigstens das Leben des Kindes zu retten – und gerät in den Verdacht des Eifersuchtsmordes. Ein ausgezeichnetes Ensemble in Hochform, angeführt von Katharina Böhm und Harald Krassnitzer, trägt dieses von großer Menschlichkeit geprägte Melodrama, das auf sympathische Weise für mehr Courage im täglichen Leben wirbt.

Tatort – Väter

Landratten und Kielschweine! Schon seit 25 Jahren wagte es kein einziger Verbrecher mehr, seinen Fuß in die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein zu setzen! Und das alles verdanken wir dem legendären Kommissar Finke, der unter der Regie von Wolfgang Petersen sein „Reifezeugnis“ ablegte und Kiel in nur schlappen acht „Tatort“-Folgen von jeglichem kriminellen Abschaum befreite. Doch wehe. Klaus Schwarzkopf wird nicht der einzige Kieler „Tatort“-Kommissar bleiben. Unter der Initiative von Axel Milberg hat der NDR die Küstenstadt wieder zum Ort des Verbrechens erklärt und lässt ihn nun dort unter dem Decknamen Borowski ermitteln. Doch wie heißt es schon im Sprichwort? Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Milbergs erster Tatort – Väter ist eine komplette Enttäuschung, der das altehrwürdige Format gedanklich wie inszenatorisch um mehrere Dekaden zurückwirft und kaum neugierig auf eine Fortsetzung seiner Bemühungen um Recht und Ordnung macht.

Der Preis der Wahrheit

Maria Hanser hat einen schlechten Tag. Pausenlos klingelt das Telefon, eine Invasion von Catering-Leuten stürmt ihr Haus, und dann bricht der Archäologen-Ikone auch noch ein Hacken. Von der Haushälterin ausgesperrt, übt sie sich auf waghalsigen Klettertouren und schlitzt dabei ihr schickes Schlauchkleid. Ja, Der Preis der Wahrheit ist bitter, vor allem, wenn man an seinem 20. Hochzeitstag entdeckt, dass einen der feine Herr Gatte schon seit Jahren betrügt. Die Mutter und die beste Freundin, die vorsichtshalber etwas früher zu den Feierlichkeiten stoßen, sind auch keine richtige Hilfe. Dafür gelingt es ihrem Mann Jo Hanser spielend, alle ihre in akribischer Suche gesammelten Beweise für seine Untreue zu widerlegen. Christine Kabischs TV-Film ist zu unentschlossen zwischen trivialem Kitsch und veritablem Ehedrama inszeniert und nervt mit einem Kommentar von unnötiger Bedeutungsschwere. Da können auch Maren Kroymann und Walter Kreye in den Hauptrollen nicht mehr viel ausrichten.

Wie man seinen Ex verlässt

Das Leben wird immer komplizierter. Obwohl sie gerade erst eine gemeinsame Wohnung bezogen haben, wird Julia (Sabine Timoteo) an ihrem 23. Geburtstag von ihrem Freund Patrick (Knut Berger) verlassen. Dem privaten Debakel folgt berufliche Kalamität und andere Unbill, doch so leicht steckt Julia nicht auf: In guter Hoffnung macht sie sich daran, Patrick wieder für sich zu gewinnen. Wie man seinen Ex verlässt, das Langfilmdebüt von Péter Palátsik, glänzt über weite Strecken mit einer ausgezeichneten Beobachtungsgabe und dem Gespür für die Komik eigentlich tragischer Situationen. Hier agieren junge Menschen im Aufbruch, die sich in katastrophalen Beziehungsgeflechten mit noch mieseren Jobs herumschlagen müssen und dennoch versuchen, ihr Glück zu finden. Im letzten Drittel allerdings geht dieser bis dahin erfrischend wahrhaftigen Komödie gehörig die Puste aus und wechselt auf folgenschwere Weise ins dramatische Fach. Ein Einschalten lohnt sich dennoch.

Raus ins Leben

Schon seit ihrem vierten Lebensjahr unterrichtet Michael Berghoff seine musikalisch hochbegabte Tochter Klara auf der Geige, doch jetzt ist aus dem Mädchen eine junge Frau geworden, die zum ersten Mal richtig verliebt ist und ihr bisheriges Leben gründlich hinterfragt. Raus ins Leben ist ein gefälliger, zwischen Vater-und-Tochter-Konflikt, Teenagerporträt und Love-Story pendelnder TV-Unterhalter, der die Gesetzmäßigkeiten des Gefühlskarusells ganz genau kennt. Der wunderbare Matthias Habich in der Rolle des Vaters, gnadenloser Zuchtmeister und Feingeist in einem, gibt Straßenmusikern großzügig selbst in der Not, und zwischen den beiden Jungdarstellern Nadja Bobyleva und Florian David Fitz sprühen die Funken der Liebe derartig heftig, dass sich auch der Rezensent eine Träne des Glücks aus dem strahlenden Gesicht wischen musste. Eine Randnotiz: Den feschen Fitz kennt man u.a. aus den Filmen „Wahnsinnig verliebt“ (1999) und „Verdammt verliebt“ (2001).