Klassentreffen

Groß ist die Wiedersehensfreude nicht, als sich der Abiturienten-Jahrgang 1988 mit einem Erfahrungsvorsprung von 15 Jahren wieder in der Schulaula trifft. Mehr noch: Das von Tanja (Barbara Philipp) organisierte Klassentreffen entwickelt sich zu einem Desaster einer offenbar völlig fehlgeleiteten Generation. Eifersüchteleien vergiften das Klima, Tanja erzielt – trotz Zwillingen! – nicht die Anerkennung einer ehemaligen Lehrerin, und selbst der eigens aus Berlin angereiste Goldjunge Nick (Johann von Bülow) kann seine Jugendliebe Connie (Lisa Martinek) nicht zurückgewinnen. Eine formidable Darstellerriege in einem Film voller blasser und eindimensionaler Figuren, der mit seiner zyklischen Erzählweise offenbar höhere Weihen ansteuert, leider aber kläglich an Einfallslosigkeit scheitert. Die weiteren Hauptrollen dieser in einer Kleinstadt im Taunus angesiedelten Plattitüde spielen bezeichnender Weise ein Porsche, ein Mercedes SE und ein paar flotte Hits von Oasis, The Smiths und The Cure.

Jack Lennox – Einer zieht die Fäden

Auch in seinem neuesten, zweiteiligen TV-Abenteuer Jack Lennox – Einer zieht die Fäden bleibt Robbie „Fitz“ Coltrane seiner Gewichtsklasse treu und bietet gehobene Kriminalunterhaltung zur so genannten zweiten Primetime. Im Hauptberuf Anwalt und damit beschäftigt, die Irrtümer der Justiz auf ein Minimum zu begrenzen, avanciert der von der Dummheit seiner Mandanten angeekelte Mann in seiner Freizeit zu einem herausragenden Drahtzieher in puncto Raubzug – schon um seinem Erzrivalen und Nebenbuhler Brian Richards (Neil Dudgeon) von der Exekutive eins auszuwischen. Dieser Jack Lennox ist eine fürwahr komplexe Gestalt in einem ebenso fesselnden wie amüsanten Import von der Insel, die sich im High Court wie auf den niederen Tribünenrängen eines Glasgower Fußballstadions gleichermaßen bewährt. Ein Film, der die bisherige Vorstellung von Schwerverbrechen um eine ganz neue Dimension bereichert und sich auf überraschende Weise von den vorgefertigten Mustern des Genres abhebt.

Dann kamst du

Gute Nachrichten von der „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman: In der als Screwball-Komödie angekündigten Schmonzette Dann kamst du nach ihrem gleichnamigen Debütroman durfte sie die glückliche Familienmami von nebenan mimen – und brauchte dabei nicht ein einziges Wort zu sagen! Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass man auch über dieses TV-Movie den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte, in dem Katharina Böhm die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Corinna Feldmann spielt, die urplötzlich von ihrem langjährigen Lebensgefährten Siegfried verlassen wird. In der Folge beweist sie sich als echter Tollpatsch und macht – ständig im Zwiegespräch mit ihrer toten Großmutter (Gisela Trowe) – die Bekanntschaft gleich mehrerer Männer. Da ist natürlich mächtig Kurzweil angesagt, und sogar ihr schwuler Freund Bébé darf es bei ihr versuchen. Ein trivialer Ringelpietz mit Happy End, Gastauftritte von Hellmuth Karasek, Reinhold Beckmann und Henry Maske inklusive.

Wie krieg ich meine Mutter groß?

Erziehung ist schon eine verflixte Sache. Die 14-jährige Nico (Caroline Erikson) zum Beispiel fragt sich Wie krieg ich meine Mutter groß? und tritt in den Kampf mit der überaus freiheitsliebenden und jenseits aller Konventionen stehenden Mutter. Aufgewachsen in einer betont schrägen Patchwork-Familie, bestehend aus der 38-jährigen Ginger (Katja Flint), einem kleinen, sehr kecken dunkelhäutigen Bruder und diversem emotionalen Ersatzpersonal, probt die tanzbegeisterte Nico den Aufstand und fordert für sich ein stinknormales Leben und geordnete Verhältnisse samt rotem Ballkleid. Aber mit einer Rabenmutter ist eben schlecht Schneewalzer tanzen, und so nimmt dieser Generationenkonflikt unter verkehrten Vorzeichen seinen Lauf. Ein stimmungsvoll zwischen ernsten und humorvollen Passagen pendelndes, für einen TV-Film bemerkenswert eigenwillig fotografiertes Mutter-Tochter-Drama nach einem Buch der Isländerin Maria Solrun, die kürzlich mit ihrem Film „Jargo“ auf der Berlinale reüssierte.

Nachtschicht – Vatertag

Ob „Die Musterknaben“ noch einmal einen Fall übertragen bekommen, ist höchst ungewiss – dafür dürfte ein anderes Vorzeige-Team des ZDF die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern. Armin Rohde, Katharina Böhm, Ken Duken und Minh-Khai Phan-Thi haben sich in Hamburg eine weitere Nacht um die Ohren geschlagen, um sich als schlagkräftige Sondereinheit der Kriminalpolizei mit einem internen Ermittler, einem mazedonischen Kindesentführer und einem entlaufenen Irren herumzuärgern. Die zweite Folge der Krimireihe Nachtschicht – Vatertag besticht vor allem mit einem herausragenden Ensemble – in weiteren Rollen agieren u.a. Wotan Wilke Möhring als scharfer Hund der Dienstaufsichtsbehörde sowie Axel Prahl als sinnesfreudiger Schwachkopf. Einmal mehr hat Autor und Regisseur Lars Becker einen durchweg gut unterhaltenden Kriminalfilm mit einer Fülle komödiantischer Einfälle geschaffen, der, als einziger Kritikpunkt, vielleicht etwas übertrieben fatalistische Züge trägt.

Küss mich Kanzler

Es zählt unzweifelhaft zu den Nachteilen der parlamentarischen Demokratie, dass man über das Liebesleben der Bundeskanzler weit weniger erfährt, als über das diverser amerikanischer Präsidenten. Küss mich Kanzler rückt diesem Problem auf den Leib und zeigt zugleich, warum das so ist. Völlig abgeschirmt von einem gestrengen Sicherheitsapparat fristet Bundeskanzler Ben Bischof (Robert Atzorn) sein politisch bedeutsames Dasein festgenagelt in einer Berliner Villa und muss ohnmächtig mitansehen, wie ihn seine chronisch untreue Gattin ein ums andere Mal düpiert. Doch damit ist Schluss, denn Bischof steigt kurz entschlossen auf seine Harley und kollidiert dabei mit der Putzfrau Mila (Andrea Sawatzki), einer Russin ohne legale Papiere, die schon ob ihrer hervorragenden Holundermarmelade für das Amt der First Lady wie geschaffen ist. Ein verspäteter Aprilscherz von weichgespülter Staatsmann-liebt-Putzfrau-Komödie, der nichts als Folklore und Schenkelklopfer hervorbringt.

Blatt & Blüte – Die Erbschaft

Die ganze bucklige Verwandtschaft hat sich am offenen Sarg von Tante Agathe versammelt, doch die Testamentseröffnung gerät zur Farce. Von dem erwarteten Vermögen ist keine Spur, dafür hagelt es Sachpreise, versehen mit zynischen Kommentaren der sanft entschlafenen Dame. Und warum hat sie ausgerechnet den ehemaligen Reporter Vincent mit der Grabrede beauftragt und dessen einstige Gattin, die Floristin Victoria, mit einer wertvollen Standuhr und einem Gartengrundstück bedacht? Schon „Die Gottesanbeterin“ hat die Drehbuchautorin Susanne Freund Christiane Hörbiger auf den Leib geschrieben, mit Blatt & Blüte – Die Erbschaft legt sie ein weiteres Zeugnis ihres schwarzen Humors Wiener Prägung ab. Eine durchweg amüsante, altmodische Krimikomödie, die hektische Aktivität seitens aller Beteiligten entwickelt, und in der kein anderer als Götz George den Widerpart des verstoßenen Gatten Vincent spielt. Eine Fortsetzung ist offensichtlich schon geplant.