Harte Brötchen

Man muss sich schon wundern. Da übernimmt mit Uwe Ochsenknecht einer der renommiertesten Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler eine Hauptrolle in dem Debütfilm einer Nachwuchsautorin, und dann kratzt er nach weniger als 20 Minuten die Kurve. In der Zielgeraden ist sein Wettfavorit eingebrochen, und nun hockt der hoch verschuldete Kioskbesitzer an seiner Bude und ahnt – vor seinem geistigen Auge trabt vermutlich noch einmal sein heißer Tipp Himmelsbote als Zweiter dem Einlauf entgegen – den Herzkasper kommen.

Vor gut einem Jahr legte der Frankfurter Regisseur Tim Trageser seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. Schon in „Clowns“, einer mit leichter Hand inszenierten Mischung aus Krimikomödie und Liebesgeschichte, kündigte sich sein ungewöhnliches Talent für ausgefeilt choreografierte und doch wie spielerisch wirkende Situationskomik an. In seinem neuen Film wird sie zum stilbildenden Faktor: Wenn Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback, ironischerweise zeitgleich von einem Spielzeugpfeil seines Enkels getroffen, verstirbt und im Fallen noch das Statussymbol eines erfolgreichen kaufmännischen Lebens – seinen Mercedes-Stern – mit ins Grab nimmt, dann ist ein erster Höhepunkt in einer originellen, herzlichen Hommage an das Kohlenrevier erreicht.

Schwarzer Humor darf in einem Film über den „Pott“ nicht fehlen. Ebenso wenig wie die ewig nörgelnde Hausfrau, die tagaus, tagein ihre Pissnelken von Nachbarn aus dem sicheren Abstand ihres Fensterplatzes belästigt. Im besten Ruhrgebietsdialekt erklärt die gebürtige Buletten-Berlinerin Christa, langjährige Gattin des verstorbenen Verkaufshallenleiters, dass nun endlich Schluss sei mit der ganzen Folklore, und verbannt das arbeitslose Gesocks von der Bude. Übernahm in Tim Tragesers erstem Film noch Anna Thalbach den Part der weiblichen Hauptrolle, so steht ihm jetzt mit deren Mutter Katharina eine sogar noch etwas berühmtere Kollegin mit ihrem vielseitigen und ausdrucksstarken Spiel zur Verfügung. Welchen Glücksfall die beiden Thalbachs für das deutsche Fernsehen bedeuten, zeigte sich in der unlängst ausgestrahlten Dorfchronik „Liebesau – Die andere Heimat“, in der sie die Rolle der Gerti in verschiedenen Altersabschnitten spielten. In „Harte Brötchen“ erleben sie nun ihre Premiere als Film-Mutter und -Tochter, und auch wenn man sich erst noch an den Anblick der auf Dauerwelle getrimmten „Uroma“ Thalbach gewöhnen muss, wünscht man sich viele weitere gemeinsame Auftritte der beiden Vollblutschauspielerinnen.

Die Jungs sind von der Bude vertrieben, die Ameisen nicht. Ohne die besonderen Kenntnisse ihres Mannes ist die allein auf sich gestellte Christa Zerrback aufgeschmissen und „der unverfälschteste Kiosk“ im Revier steht vor dem Ruin. Die eine Tochter bietet mit ihrem eigenen Nachwuchs Mehrarbeit an, und auch die andere ist ihr keine richtige Hilfe, wenn sie versucht, ihr einen Verkäuferposten bei einem Supermarkt zu besorgen –  die eingefleischte Vegetarierin Christa sieht sich schon an der Wursttheke enden. Nein, zum Feind überlaufen, das gilt nicht – da reicht Christa schon die Unterstützung der Familienältesten Hanna, die regelmäßig die Waschmaschine überlaufen lässt. Lieber beißt die giftige Furie die Zähne zusammen, überwindet ihren Ekel vor toten Tieren und besinnt sich auf Theo Zerrbacks Frikadellen-Rezept: Du nimmst Öl wie ein Irrer. Salz wie ein Weiser…

Ohne das märchenhaft-fantastische Element käme in Tim Tragesers Tragikomödie kein richtiger Zauber in der Bude auf. Denn natürlich lässt sich Uwe Ochsenknecht alias Theo Zerrback eben doch nicht einfach so nach 20 Minuten vom Bildschirm vertreiben. Wie die Drehbuchautorin Sylvia Leuker die Wiederauferstehung des gelernten Fleischermeisters in ihre famose, vor ironischem Witz nur so sprühende Geschichte eingebaut hat, das sollte jeder selbst herausfinden. Ein herrlicher Film und ein bewegendes Lehrstück zum Thema Loslassenkönnen und Abschiednehmen, in dem Katharina Thalbach alias Christa Zerrback dann doch noch zu einer neuen Liebe und ihrem ersten Feinkostladen kommt. Die Hackfleisch-Ordnung ist schließlich eine Berliner Erfindung.

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Arche Noah – Das größte Abenteuer der Menschheit

1999 flutete RTL die deutschen Wohnzimmer mit einem 2-teiligen Katastrophen-Epos „von wahrhaft biblischen Ausmaßen“. In einem Exklusivinterview für den TV-TIP erzählte mir Gott von den Dreharbeiten zu dem Film.

TV-TIP: Lieber Gott, hattest du Muffensausen vor der Zusammenarbeit mit so namhaften Schauspielern wie Jon Voight, Mary Steenburgen, F. Murray Abraham oder James Coburn? Die sind immerhin Oscar-Preisträger.

Gott: Viele Schauspieler haben Angst davor, mit den Besten zusammenzuarbeiten, aber ich nicht! Ich arbeite sogar gerne mit Tieren, weil sie die besten Schauspieler sind.* Außerdem bin ich, wie du weißt, selbst nicht im Bild zu sehen. Man hört mich nur aus dem Off, wie ich Noah stecke, wo es lang geht.

TV-TIP: Im Vergleich zu anderen Bibelverfilmungen ist diese ausgesprochen humorvoll – und ungefähr ebenso komisch wie die Tatsache, dass RTL die 30 Millionen schwere US-Produktion als Mini-Serie anpreist. Hattest du damit Probleme?

Gott: (lacht) Überhaupt nicht. Es hat mir sogar ausgesprochen gut gefallen, dass mich der Drehbuchautor Peter Barnes nicht nur als „den Gangster da oben“ gezeichnet hat. Auch seine Idee, die Geschichte mit Sodom & Gomorrah zu beginnen, fand ich göttlich. Auf Bibeltreue ist doch geschissen.

TV-TIP: (schluckt) Nun, geschissen wird bei dieser Odyssee wirklich. Zu zeigen, dass Ausmisten auf der Arche ein echter Scheißjob ist – mutig. Aber sind Dialogzeilen wie „Brabbel, brabbel, schnarch, schnarch“ nicht doch ein bisschen zu comicmäßig?

Gott: Hey, das ist ein Film für die ganze Familie! Da ist alles drin: Märchenhaftes! Blutbäder! Postkarten-Kitsch! Eheprobleme! Sintfluten! Und diese Dings, diese Computeranimal… nein: Computeranimationen!

TV-TIP: Die allerdings auch aus einem B-Picture von Inoshiro Honda stammen könnten. Du bist jedoch rundum zufrieden?

Gott: Ach Gottchen. Es war bestimmt keine Erholungskreuzfahrt, die diese Leute da gemacht haben. Ich habe wirklich Respekt vor dieser Leistung.*

TV-TIP: Gebongt. Aber wieso hast du dich von Hallmark Entertainment so über den Teich ziehen lassen und dir nicht die Rechte an der Story gesichert? Da hat dich wohl der Deibel geritten?

Gott: Ich hätte gerne jemand anders um Rat gefragt. Aber wen könnte ich fragen?

TV-TIP: Zum Schluss des Films gibst du Noah, obwohl du dich eigentlich schon entschlossen hattest, deine Schöpfung in den Orkus zu jagen, doch noch eine letzte Chance. Andererseits lässt du es auf der Erde derzeit wieder überall stürmen und beben – wie zum Beispiel zuletzt in Mexiko. Warum?

Gott: Gute Frage. (lacht homerisch)

TV-TIP: Noch eine letzte: Glaubst du …

Gott: Bitte?

TV-TIP: … glaubst du, „Arche Noah“ ist ein heißer Aspirant um den ersten Preis, wenn es in die Segelregatta „Kähne, die was mitmachten“ geht?

Gott: Wenn Wolfgang Peterson nicht schon „Titanic“ gedreht hätte, vielleicht.

TV-TIP: Vielen Dank für das Gespräch. Live long and prosper.

Gott: Bis später, mein Sohn.

* Aus einem Interview mit Noah-Darsteller Jon Voight.