Die Handschrift des Mörders

In einem kleinen kleinen Dorf, wo jeder jeden vom Wegsehen kennt, findet der Dorfsheriff Eppe (Götz Schubert) eine sorgsam kahlrasierte Frauenleiche – ein Fall für die eilends aus der großen großen Stadt anreisende Polizistin Sophie (Dorothea Schenck), die Die Handschrift des Mörders auch schon bald entziffert zu haben glaubt. Langweilig? Denkste: So abgedroschen und einfach es klingt, zwei grundverschiedene Charaktere in einen Mordfall zu schicken, so sympathisch ist die Figur, die Hajo Gies (Regie) und Timo Berndt (Drehbuch) in den Mittelpunkt ihres gelungenen Genrefilms stellen. Ohne falsche Ambitionen, aber mit jener Lakonie ausgestattet, die einen gesunden Menschenverstand glaubwürdig macht, setzt sich der einfache Dörfler gegen die eingebildete Städterin durch. Da lässt man sich sogar noch einmal das überstrapazierte Serienkiller-Motiv gefallen.

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Schande

Was eigentlich sollte im Zentrum des Interesses stehen, wenn ein Verbrechen geschieht? Das zumeist verborgene Leiden des Opfers? Oder die visuell reizvolle Oberfläche der Tat? Das Fernsehen hat diese Frage längst für sich beantwortet, wenn auch noch nicht endgültig. Noch eindringlicher und entschiedener als Bernd Schadewald in seinem Film „Angst“ führt Claudia Prietzel in Schande dem Zuschauer die Innenansicht und Gefühlswelt eines Mädchens vor Augen, das sexuell missbraucht wird – und sie trifft, wie möglicherweise kein anderer Film zu diesem Thema zuvor, den wesentlichen Kern des letztlich noch immer tabuisierten Phänomens Kindesmissbrauch. Nach „Kuppke“ und „Das vergessene Leben“ ist dies bereits die dritte herausragende Fernsehinszenierung der Regisseurin, in der sie nicht nur das nötige Feingespür für die heiklen Seiten des Sujets beweist, sondern auch Mut zur Konsequenz und das Geschick, die Ohnmacht und Verstörung der 12-jährigen Bénice (Stephanie Charlotta Koetz) nicht nur sichtbar, sondern spürbar zu machen. Ein Film, der zur Auseinandersetzung anregen will und wird.

Sweet Little Sixteen

Geradezu ärgerlich geriet der „erotische“ Thriller Sweet Little Sixteen, der erhebliche Mengen nackten Fleisches (u.a. von Cosma Shiva Hagen) auf unappetitlichste Weise zur Schau stellt.  Heikko Deutschmann – dies sei an dieser Stelle fieser Weise verraten – mimt einen manischen Lolitamörder, der als „Pate eines sibirischen Tigers“ offensichtlich vor nichts mehr zurückschreckt, und seine willigen, blutjungen Begleiterinnen am liebsten in Striptease-Clubs ausführt. Ein Film, den man dem sonst so geschätzten Regisseur Peter Patzak („Kottan ermittelt“)  nicht zugetraut hätte: Ungerührt reiht er ein Genreklischee an das nächste, lässt pausenlos pubertierende Girls neue Dates mit älteren Herren ausmachen (natürlich per Handy), die allesamt nach Babyspeck sabbern, und zwischendurch läuft ab und zu jemand ins Messer. Aua!

Gnadenlos 2 – Ausgeliefert und missbraucht

Kurzweilig immerhin – und nach dem frühzeitigen Ableben seiner dilettierenden Jungdarstellerinnen auch zunehmend packend gespielt – fiel die Fortsetzung des Rotlichtthrillers „Gnadenlos – zur Prostitution gezwungen“ aus, an dessen Ende der Mädchenhändler Jürgen Baluga (Leon Boden) seiner gerechten Strafe zugeführt wurde. Wieder aus der Haft entlassen, stellt er in Gnadenlos 2 – Ausgeliefert und missbraucht zu seinem sichtlichen Missfallen fest, dass sein Bruder Robert (Dieter Mann) die Geschäfte nicht gerade in seinem Sinn weitergeführt hat. Wieder nach einem Skript des alten Krimifuchses Herbert Reinecker entstanden, spitzt sich die anfangs etwas träge Story aus dem Berliner Sündenbabel zum Ende hin sehenswert zu, wenn die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen und der ermittelnde Beamte Landau (Günther Maria Halmer) auf gewohnt gnadenlos gute Weise bittere Miene zum bösen Spiel macht.

Der Tod in deinen Augen

Mit Aglaia Szyszkowitz, Thomas Kretschmann und Dominique Horwitz (hier als zynischer, mit allen Wettern gewaschener Cop) hat SAT.1 ein recht leistungsfähiges Team für den Thriller Der Tod in deinen Augen zusammengetrommelt, in allen anderen Belangen aber versagt dieser Film. Holprig im Handlungsaufbau und ohne jeden Sinn für Timing und Tempo kurvt Regisseur Michael Rowitz durch eine misslungene Mischung aus Love & Crime, die noch nicht einmal ihren wichtigsten, an sich krimitauglichen Kniff nutzbringend zu verwerten versteht – eine Hörgeschädigte vermag es, dem Tod von den Lippen zu lesen.

Polizeiruf 110 – Mörderkind

Des Abends steht Dominique Horwitz auf den Brettern, die die Bühne bedeuten, und tagsüber versucht er sich fürs Fernsehen in den verschiedensten Berufen. In Mörderkind, einer von Matti Geschonneck bravourös gestalteten Folge des Polizeiruf 110, verleiht er einem Tierarzt jene Sanftmut und Zerbrechlichkeit, die einen Selbstmörder ausmacht. Doch ist er auch der Täter und schuld am Tod der 15-jährigen Jennifer? In der klassischen Form des whodunit entwickeln Drehbuch (Stefan Kolditz) und Regie das sensible und psychologisch stimmige Porträt eines 13-jährigen Jungen (beeindruckend: Robert Stadlober), der – neben
besagtem Tierarzt – dringend unter Verdacht steht, der Mörder zu sein. Ein wirklich gelungener Krimi, der von der ersten Minute an fesselnd sein dörfliches Milieu und deren Charaktere beschreibt, und der zudem von den exquisiten Leistungen seines Schauspielerensembles profitiert. Nicht nur kleinste Nebenrollen – wie zum Beispiel die einer beschämend unvermögenden Fernsehreporterin – wurden vom ORB glänzend besetzt, auch mit der neuen Kommissarin Wanda Rosenbaum (Jutta Hoffmann) hat man einen Glücksgriff getan. Auf die nächsten Fälle aus Brandenburg darf man gespannt sein.

Wir vom Revier

Menschen, die nicht über sich selbst lachen können oder wollen, gehen oft mit der irrigen Annahme von SAT.1 konform, dass Schadenfreude die schönste Freude sei. Für eben diese Zeitgenossen wirft der Sender „einen augenzwinkernden Blick hinter die Kulissen des Beamtenalltags und präsentiert ‚Deinen Freund und Helfer‘ als verschnarchte Karikatur seiner selbst“. Die gähnend langweilige Polizistenverarsche Wir vom Revier setzt eine deutsche Comedy-Tradition fort („Hausmeister Krause“!), die nicht immer, aber immer öfter dümmer ist als erlaubt. Platter und klischeebeladener geht‘s nimmer – da wird auch Marco Rima von der Wochenshow, unter Kim Kübler, Thommi Baake, Michael Trischan, Roland Baisch, Felix Benesch, Namali Schleberger, Beatrice Masala und Egon Wellenbrink wohl der Gaststar der „Gaststars“, nichts ausrichten können.