Mammamia

Mist, die Welt geht schon wieder unter – für Paula. Die Welt von Paula allerdings ist, wie es private Welten an sich haben, klein und übersichtlich: Paula ist schwanger und stellt ausgerechnet am Muttertag fest, dass es das ewige Glück möglicherweise nicht gibt. Innerhalb von nur wenigen Stunden erlebt sie, wie sich ihre Freundin vom Freund entzweit; wie sich ihr Freund nicht von seinen kleinen Sportsfreunden zu trennen vermag, um ihr endlich mehr Beachtung zu schenken; wie ihre Mutter sich nach 30 Jahren Ehe vom Mann lösen will. Das ist das Schlimmste für Paula: Mammamia gluckt im Kern auf einer Mutter-Tochter-Beziehung. Charaktere, Dialog und Handlung hat Sandra Nettelbeck gut im Griff, aber wenn diese doch in sehr seichtem Gewässer angesiedelte Komödie mit Christiane Paul und Senta Berger in den Hauptrollen tatsächlich das Beste ist, was auf dem Max-Ophüls-Festival 1998 zu sehen war, dann geht die Welt vielleicht wirklich bald unter.

Eis – Wenn die Welt erfriert

Es sind keine zwei Monde her, da hätte man es sich auch in seinen kühnsten Alpträumen nicht einfallen lassen, dass Herbert Selpins Untergangsepos „Titanic“ eines Tages als Video auf den Markt kommt. Doch die Menschheit, scheint es, ist heiß auf die Apokalypse. Der Erfolg von James Camerons Neuverfilmung des Stoffes belegt es: Der Freundeskreis schöner Schiffskatastrophen hat sich beachtlich erweitert. Mit dem Ende des zweiten Jahrtausends macht sich auch eine Stimmung des Weltendes breit, an der auch die Filmindustrie teilhaben will. So erklärt es sich, dass die ARD den ersten Advent 1998 ausgerechnet mit einem „Polizeiruf“ zum Thema Teufelsaustreibung begeht, und der private Konkurrent PRO 7 – nicht weniger unchristlich – die Sonne mit Hilfe eines Meteoriten ausknipst. Was für eine Geschichte: Infolge einer Totalfinsternis sinken die Temperaturen nahezu weltweit unter den Gefrierpunkt herab, und eine kleine Gruppe Überlebender der Katastrophe versucht, sich den Weg zum rettenden U-Boot mittels Waffengewalt zu bahnen. Wahrhaft kein Fernsehprodukt von der Stange, erweist sich die internationale Koproduktion Eis – Wenn die Welt erfriert als bestenfalls als Schneebild geeignete Endzeitvision, bei der einen das Schicksal der Protagonisten eiskalt lässt. Pech für Udo Kier, der hier einmal mehr den Bösewicht mimt.

Die Schläfer

Die Schläfer schlummern vor Tradum, tückischen Felsen, die Küstenwache Stein stets im Blick hat, und noch manches andere wartet darauf, vom Zahn der Zeit ans Land gespült zu werden. Das allerdings wollen die Bewohner der Ostseeinsel um jeden Preis verhindern, und auch die unter Totalamnesie leidende Claire (Gesine Cukrowski), die ebendort den Schlüssel zu ihrer Geschichte vermutet, prallt bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens. Was alles hätte aus diesem wunderbaren Puzzle werden können. Doch obwohl dem Werbefilmer Roman Kuhn neben seinem metaphorischen Plot auch ein malerischer Drehort (die britische Kanalinsel Guernsey) und ein exquisites Darstellerensemble zur Verfügung standen, ist ihm sein Thriller misslungen: Erst kommt er nicht in die Gänge, dann verrät er sein Geheimnis zu früh. Wirklich schade: Wieder einmal wurde der Mut des Senders PRO 7 zu Formexperimenten nicht belohnt.

Bella Block – Auf der Jagd

Das Motiv ist bekannt: Ein Mörder geht in Serie, ein Kriminaler dringt berufsbedingt in den Mikrokosmos einer dörflichen Gemeinschaft ein und muss sich fortan mit deren Eigenheiten und Anfeindungen anfreunden. Der Samstagskrimi des ZDF geht auch nach dem Abschied von Derrick kein Risiko ein und setzt weiterhin auf wohlvertraute Spannungsmuster. Die Erfolgskommissarin Bella Block jedenfalls bezieht ihre Anziehungskraft nicht aus der Wahl ihrer kriminalistischen Mittel oder gar neuer, unkonventioneller Waffen im Kampf um die Quote. Sie besticht ganz allein durch ihre Hauptfigur – wie immer von Hannelore Hoger glänzend verkörpert und von Markus Imboden in der Regie und dem Autorenpaar Eva und Volker A. Zahn souverän als resolute Frau der guten Tat ins Bild gesetzt. Fragt sich nur noch, wann Bella nicht mehr auf den Friedhof gehen muss, um Witwer aufzureißen, weil sie Auf der Jagd nach perversen Pärchenmördern keine Zeit für ihr Privatleben findet.

Cybill

Die amerikanische Sitcom Cybill um eine Schauspielerin jenseits der magischen Altersschallmauer von 40 (Cybill Sheridan alias Cybill Shepherd) lebt von einer schrecklich netten Neurotikertruppe. Abgesehen von ihren beiden Töchtern Zoey (Alicia Witt) und Rachel (Dedee Pfeiffer) und den beiden Ex-Ehemänner Jeff (Tom Wopat) und Ira (Alan Rosenberg) wird Cybill auch ständig von ihrer besten Freundin Maryann (Christine Baranski) belagert. Weitere Pluspunkte der Serie sind ihr trockener Witz und die ironischen Spitzen auf die Verlogenheit des Menschen im Allgemeinen und des Filmgeschäfts im Besonderen. Wo sonst hört man so herrlich ehrliche Bekenntnisse wie „Freitags sitz‘ ich eigentlich immer zu Hause und zwick‘ mich, bis ich blute“ oder „Tut mir leid wegen der Verspätung, aber diese Sitzungen der anonymen Kokser dauern immer ewig“?

Liebesluder

Das Dorf doch nicht wahr sein – das scheinen die oberen Herren in einer kleinen Stadt im Hochsauerland zu denken, als sie eines Tages die junge Studentin Ina in ihrer gemütlich-spießigen Mitte begrüßen dürfen. Ina, die sich ihnen nicht nur als jung, sondern auch als burschikos-attraktiv, zudem als blond und, was natürlich das Wichtigste ist, als überaus willig-bereit präsentiert, beflügelt die Hobbyflieger aus Passion zu lange vergessenen, leidenschaftlichen Gedanken. Plötzlich bricht die Erotik in die mühsam errichtete Ordnung der Honoratioren, deren Eckpfeiler Heim, Haus und himmelschreiende Biederkeit sind.

Einer nach dem anderen machen sie sich an Ina heran: Der schmierige Möchtegern-Dandy und Banker Peter, kurz Nase genannt, macht den Anfang, gefolgt von dem simpler gestrickten Besitzer des Sägewerks Wagner (Bruno Cathomas), der ihn leider nicht hochbringt, sogar der verschüchterte Flugplatzleiter Karuso (Matthias Matschke) versucht sein Glück. Und alle dürfen sich in den allerschönsten Hoffnungen wiegen. Bis zu dem Zeitpunkt, da das gerissene Liebesluder ihren Verehrern eröffnet, dass sie guter Hoffnung sei – und jeder von ihnen ein potenzieller Erzeuger.

Eine verhängnisvolle Geschichte von Lebenslügen erzählt Detlev Buck in seinem neuesten Film, aber eine schwarze Komödie, wie es das Presseheft vorgibt, eigentlich nicht. Eine der wenigen wirklich komischen Szenen in dieser letztlich tragischen Farce hat die hier erstmals in einem Kinofilm agierende TV-Comedy-Fachfrau Anke Engelke, wenn sie das mickrige Bäumchen vor ihrem Häuschen beim Einparken platt macht – ein herrliches Gleichnis für die Kleingeistigkeit in der Provinz. Doch noch nicht einmal bei dieser Szene möchte man lachen. Viel zu bitter schmeckt die von Niedertracht, Engstirnigkeit, Hab-und Eifersucht gestörte Welt des säuberlich aneinander gereihten Fachwerks.

Waren speziell Bucks frühe Filme wie „Karniggels“ und „Hopnik“ von einer tiefen Liebe zum norddeutschen Flachland und seinen rätselhaften Kuhmördern, Bullen und Grenzern gezeichnet, sympathischen Verlierern, die auch Gewinner sein können, so ist sein Blick spätestens in der Öde des Hochsauerlands pessimistisch geworden. Mitgefühl hat man in „Liebesluder“ allenfalls mit einer Figur, und die spielt er bezeichnenderweise selbst. Wenn der mit dem allzu argwöhnischen Frauenzimmer Suse (bemerkenswert: Barbara Philipp als tobende Furie) gestrafte Wusch erfährt, dass er sich irrtümlich von seiner trotz allem geliebten Gattin befreit hat, dann kommt zum ersten und einzigen Mal so etwas wie ein echtes Gefühl auf in diesem Film, der ansonsten nur von Eigennutz handelt.

Dennoch fördert Detlev Buck in dieser mit lakonischem Witz erzählten, im Grundton aber düsteren Mixtur aus Landkrimi, Tragikomödie und spöttischer Charakterstudie heitere, erhellende Momente zu Tage. Etwa, wenn die traute Runde der Damen unbekümmert über das Eintuppern plaudert, während die Herren, deren Alimente-Rechner auf Hochtouren laufen, überlegen, ob sie mit Ina das machen sollen, was man auf dem Land eben mit jungen Katzen so tut. Etwas zu behäbig vielleicht, aber stringent entwickelt bricht sich ein böses Drama Bahn, das nicht die Herren ihr Nerven (ein Seitensprung kostet so viel wie ein Einfamilienhaus im Hochsauerland) und Wuschs Frau Suse das Leben kostet.

Nach seiner gänzlich missglückten Sozialklamotte „Liebe deine Nächste“ um zwei Soldatinnen Gottes, die einen herzensschlechten Rationalisator und Frauenheld Mores lehren, ist Detlev Buck zwar nicht seinem Anspruch, ein Markenzeichen für den deutschen Film zu sein, gerecht geworden, wie es das rot aufs gelbe Presseheft gestempelte „Jetzt wird’s ernst: Der neue Buck“ suggeriert – dafür aber ist er wieder ein gutes Stück jener Zeit näher, da man noch fieberhaft auf seinen nächsten Komödienstreich hoffte.

SCHÖNES WURSTBROT – VORWORT

SCHÖNES WURSTBROT – VORWORT

Es ist so weit: Ich bin wieder einmal zu haben. Das finde ich eigentlich seltsam, etwa so wie den Hinweis »from Darmstadt« ­– es belegt aber meine wichtigste These, nämlich die, dass Literatur gut und schön ist. Alle, die jetzt nicht zu Unrecht vermuten, ich käme aus Darmstadt, muss ich leider enttäuschen. Denn ich komme vom Mond. Ich muss das erklären? Gut: Man schrieb das Jahr `63, die große Böllerei stand bevor (die Erleuchtung!), ich wurschtelte mich so durch das Innenleben meiner Mutter, da wurde ich geboren. Ihr gilt auch gleich mein erster Dank, denn sie war es, die mich in die komplizierten Geheimnisse des Wurstbrotes einweihte. Die  Literatur kam erst später. „Die Kunst des großen  Schinkenbrotes“, so höre ich sie noch heute oft sagen, „besteht aus einem Prozent Inspiration, einem Prozent Schinken und hundertprozentigem Schwachsinn.“ Dank gilt auch meinem werten Kollegen H. P. Daniels, der die goldene Regel „Man muss den Frauen Wurstbrote  schmieren“ aufstellte, während der keine Ausnahmen gemacht werden können. Nein, alles nur das nicht: bitte keine Ausnahmen. Ausnahmen sind fast so schlimm wie Ausgaben, und das wollen wir doch, bitte schön, nicht. Ausnahmslos will ich danken: meinem Lektor Sönke Neuwöhner, in den ich von Anfang an das größte Vertrauen hatte, da er, was diejenigen unter Ihnen, die kein Zollstock sind, vielleicht nicht glauben werden, noch größer ist als ich. Danken will ich Sven Poser für Tatkraft, Knud Kohr für Potenz, Sven T. Holly Nullmeyer für Poesie. Danken will ich Orphèn Clare, die mich der Linse näherbrachte. Danken will ich Christian Nitsch, Ellen Foert, Felicitas Hoppe, allen will ich danken, wie sie mir gerade so einfallen, Lena Kurzke, ClaPü, dem Fröhlichen Wohnzimmer, AgoNie und Onkel Max, der mich das Danken wieder lehrte. Danken will ich allen, die wissen, was ein Feedback ist. Und ich danke Sabine Stiegemann, der ich das Gedicht »Zazie sitzt auf dem Ofen« gewidmet habe, und das vermutlich kein Mensch je verstehen wird. Die Selbst- und Ungereimtheiten dieses Buches sind nicht etwa gleichzeitig  entstanden, sondern sauber hintereinander weg. So etwas kann schon einmal dauern. Ihre Summe ergibt dafür nicht nur mein erstes Buch, sondern sogar »Schönes Wurstbrot«. Ich empfehle die Lektüre am Abend. Glücklicherweise gehöre ich zu den Menschen, die keinerlei Ernährungsprobleme zu beklagen haben. Wenn mein  Körper nach Gummidrops verlangt, signalisiert mein zentrales Nervensystem »Gummidrops« und nicht etwa Kummer. Vielen ist diese eigentlich völlig normale Steuerung leider abhandengekommen. Jedem, der schon zum Frühstück nach meinem kleinen Brevier greift, haue ich hiermit pro forma vor das Setzei – gewiss, mein  Wurstbrot enthält ausreichend Ballaststoffe und sogar, was für ein Wurstbrot eher ungewöhnlich ist, das eine oder andere Vitamin, trotzdem: Wurstbrot ist nichts für frühe Stunden. Es in einem Stück zu verschlingen hingegen halte ich für angebracht: weg damit und Weg frei für „Schönes Schmalzbrot“, „Schönes Quarkbrot“, usw. Ach ja: Ein Buffen – sie wollen wissen, was das ist? Ein Buffen ist die Großform von Büffchen, etwa so wie Schnitte die Großform von Schnittchen ist. Buffen sagt man, so ich nicht irre, in Thüringen zu einer hinlänglich großen Portion Brot mit etwas drauf. Es muss nicht immer Wurstbrot sein. Ich danke.

Roland Oelfke, Juli 1993